Il8 Die Verschlechterung des Märchens bei der Nacherzählung.
Thomas Buckle*), die Feststellung, daß Märlein, die in dieser epischenForm erzählt werden, von den richtigen Balladen gar nicht zu sprechen,der Gefahr, daß sie einzelne Züge oder gar den Hauptinhalt einbüßen,viel weniger ausgesetzt sind als die Geschichten im allgemeinen. Leiderist nun diese gemischte Darstellungsweise — bei gelegentlich ein-gestreuten Versen kann man von einer solchen kaum sprechen —bei Märchen außerordentlich selten, und so besteht im allgemeinenstilistisch nur selten ein äußerlicher Anhaltspunkt, der dem Weiter-erzähler als ein Aide-memoire vorwärts oder, besser, rückwärts helfenwürde.
Gedächtnisstützen anderer Art hat die Sage samt der Natursageund der Legende; das Märchen, dessen Charakteristikum die Raum-und Zeitlosigkeit ist — Anknüpfung an Personen wie Salomo, Vikra-mäditya, Härün ar-Rasid usw. oder an örtlichkeiten gibt es nur indem Orient, der, wie wir gesehen haben, das Märchen in unserm Sinnenicht kennt —, verzichtet auf jede sachliche oder persönliche Bindung,und kommt doch einmal eine solche vor, so geschieht das, wie wiroben bei den Natursagen gesehen haben, durch eine mutwillige, will-kürliche Handlung eines Erzählers, bedeutet also ein Ausspringen ausder Gattung. Darum ist das Märchen von dem Augenblicke an, woes in die Einfache Form übergeht, wo es Geschichte wird, in weithöherm Maße als die Sage von dem Gedächtnis der Erzähler abhängigund nimmt durch deren Vergeßlichkeit viel mehr Schaden. Über dieErinnerungsfähigkeit der Menge, des Volkes erübrigen sich an dieserStelle besondere Ausführungen, und es hätte wenig Sinn, den Unter-suchungen, die diesem Gegenstande Van Gennep (La formation, 155 f.)und Delehaye (Les passions des martyrs, 1921, 437 f.) für die Sageund die Legende gewidmet haben, eine Nutzanwendung für das derMenge ausgelieferte Märchen zu geben. Die absolute Kunstform,die die Grimm den ihnen meist schon als Geschichten zugekommenenMärchen gegeben haben, war ein Jahrhundert lang Muster und Vor-bild für andere Sammlungen, und so enthält das meiste, das wir biszum Jahrhundert-Ende, aber auch noch darüber hinaus an sogenanntenSammlungen von Volksmärchen besitzen, nur das, was wir volks-tümliche Märchen genannt haben, Vertreter der Sachlichen und zugleichder Sprachlichen Kunstform; lassen wir uns ein solches Märchenwirklich aus dem Volksmunde erzählen, so gewahren wir, wie wenigdiese Geschichte dem Märchen ähnelt. Schulbeispiele geben dieSammlungen, deren Urheber nicht in erster Linie die Absicht ver-folgten, Belege für die Verbreitung der Märchen zu geben oder über-haupt den Märchenvorrat eines Volkes, eines Stammes, eines Landesoder einer Gegend zu erheben, sondern der Sprach- und Dialekt-forschung dienen wollten, so daß der Inhalt der uns auf diese Weisezur Kenntnis kommenden Geschichten nur als Nebennutzung ihrergelehrten Tätigkeit aufgefaßt werden darf. Gehört freilich der Er-zähler, dem der Forscher nachgeschrieben hat, den gebildeten Ständenan, wie etwa der Gewährsmann von Artur Christensens Contes persansen langue populaire (1918), der nicht nur, in seiner Jugend, theo-
*) Buckle-Ruge, Gesch. d. Civil, i. Engl., 1864, I, 1, 253 t.