Druckschrift 
Versuch einer Theorie des Märchens
Seite
117
Einzelbild herunterladen
 

Die Verse in den Märchen. 117

worden, obwohl die von Jacob Grimm zitierte Anführung Grätersbeginnt:In dem Ammenmärchen von den drey Königstöchtern unddem in einen Frosch verzauberten Prinzen". Es waren also in demMärchen einmal drei Königstöchter vorhanden, und eben so vielekommen auch in der Variante vor, die die Brüder in dem zweitenBande der ersten Ausgabe (91 f.) als n° 13 unter dem Titel DerFroschprinz bearbeitet, dann aber in die Anmerkungen verwiesenhaben (1822, 3 f. usw.). Diese beginnt in selbstverständlicher Weise:Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter . . .", und tat-sächlich haben hier auch die zwei altern Prinzessinnen ihren Platz inder Handlung; in der ersten Auflage aber und auch noch in der zweiten,ja sogar noch in der Kleinen Ausgabe von 1825 beginnt das Märchen:Es war einmal eine Königstochter . .. .", was gegenüber der Hand-schrift Wilhelms auch schon ein Zusatz ist, und erst von der drittenAuflage an wird dasKönigstochter, jüngste" auch schon durch denEingang gerechtfertigt, der lautet:In den alten Zeiten, wo dasWünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter warenalle schön, aber die jüngste war so schön, daß sich die Sonne selber,die doch so vieles gesehen hat, darüber wunderte so oft sie ihr insGesicht seh en." Es ist also klar, daß die später in die Anmerkungenverwiesene Fassung, die die von dem Herzen des treuen Heinrichsspringenden Bande nicht kennt, in dem Kerne, in der Substanz desMärchens vollständiger ist, und daraus erhellt wieder, daß der Ge-währsmann für den Froschkönig, der zwar die Verse der Bragur unddes Wunderhorns genau im Gedächtnis behalten hat, für den pro-saischen Teil der Geschichte von seinem Gedächtnis im Stich gelassenworden ist oder daß dieser Vorwurf einen seiner Vorgänger trifft.Ist so etwas nun etwa eine Ausnahme ?

Sicherlich nicht; es ist selbstverständlich, daß die in Rhythmusoder Reim gebundene Rede nicht so leicht vergessen wird wie dieungebundene, ja daß sich Verse unabhängig von der Geschichteerhalten, zu der sie ursprünglich gehören oder gehört haben, und ausdiesem Grunde, nicht aus dem von ihm angeführten, mag JacobGrimm mit seiner Behauptung, bei dem Froschkönig handle es sichum ein altes Hausmärlein, Recht behalten. Bei dem Fischer un sinerFru freilich dürfte trotz der immer wiederkehrenden Strophe Manntje,Timpe Te usw. eine solche Behauptung nicht gewagt werden; wenigstenshat sich Arnim als einenHauptspaß" von einem Freunde Rungeserzählen lassen,Runge hätte die Geschichte einigen Schiffernerzählt, die hätten sie aber alle anders wissen wollen" (Steig, Arnim,225 und vorher in Herrigs Archiv, CX, n). Die Verse des Machandel-booms andererseits sind höchstwahrscheinlich künstlich abgeblaßtworden, wie die Verse in dem Urfaust dartun, und bemerkenswertist es bei diesen und bei denen des Froschkönigs, daß sie Gegenstückein englischen Märchen haben, die noch um die Wende des achtzehntenJahrhunderts erzählt wurden. Es ist hier weder der Ort, noch fülütsich der Verfasser berufen, auf die poetisch-prosaische Form deririschen Sagen oder gar auf Windischs und Oldenbergs Akhyäma-Theorie, die sich auf jene altindische Literaturgattung bezieht, ein-zugehen ; für unsern Zweck genügt, vielleicht mit Berufung auf Henry