Il6 Angebliche Zusammenhänge.
dieser Einfachen Form die alte Motivverbindung beibehalten, keineinziges Motiv ausgelassen und kein einziges neues eingeführt hätten,aber wahrscheinlicher ist das. Gegenteil. Gelegentliche Erwähnungeneines Märchens oder Märleins in der Literatur vergangener Zeitenmögen verlocken, ein Gegenstück zu diesem unter den in der Gegenwartim Volksmunde umlaufenden Geschichten zu suchen, aber auch hiersind der Möglichkeiten mancherlei, und zu der Feststellung einesZusammenhangs über Jahrhunderte hinaus genügen keineswegs flüch-tige Ähnlichkeiten. Daß sich Johannes Rist 1666 erinnert hat, in seinerJugend, also etwa in dem dritten Jahrzehnt jenes Säkulums, vonenglischen Komödianten eine Posse gehört zu haben, in der sich einSchulmeister erbötig gemacht habe, die Komödie „von der schönenFrauen im Bergen mit ihren sieben Zwergen" aufzuführen (Bolte-Polivka I, 452), bedeutet noch nicht, daß diese Komödie oder ihreQuelle etwa dieselbe oder eine ähnliche Fabel behandelt hätte wiedas Märchen von dem Schneewittchen, und daß Namen und Bezeich-nungen von heute in Märchen und Märchengeschichten handelndenund leidenden Personen in solcher Eigenschaft auch schon vorJahrhunderten vorkommen, ist keinesfalls ein Beweis für einenZusammenhang: noch die letzte Erwähnung des Aschenputtels vorPerrault (Bolte-Polivka, IV, 74, n. 1) scheint sich auf eine Geschichtevon einem ganz alltäglichen Hergang zu beziehen, und daß Rollen-hagen 1608 in der Vorrede zum Froschmeuseler unter den „wunder-barlichen Hausmärlein" auch einen „eisern Heinrich" nennt, ist wohlfür das Märchen von dem Froschkönig oder dem eisernen Heinrichtrotz den Versicherungen in den Anmerkungen (1812, Anhang, III;1822, 5; 1856, 5; Bolte-Polivka, I, 7) angesichts der belanglosenRolle, die der treue Diener Heinrich spielt, deren Schilderung übrigensjedem Märchen angehängt werden könnte, das von der Erlösung einerverwunschenen Standesperson erzählt, durchaus gleichgültig: mit der-selben oder einer vielleicht sogar größern Berechtigung könnte manden eisernen Heinrich (s. Grimm, DW., vo. Heinrich, 1) mit demGrimmschen Eisenhans identifizieren, und wenn nicht anderweitigFunde gemacht werden, so bleibt die älteste Erwähnung des Märchensvon dem Froschkönig die in dem Aufsatze Friedrich Gräters Überdie teutschen Volkslieder und ihre Musik in der Bragur, III, 1794, 241,die Jacob Grimm zu dem von seinem Bruder aufgezeichneten MärchenDie Königstochter und der verzauberte Prinz, der Quelle für denFroschkönig, auf einem losen Blatte des ölenberger Manuskripts(Lefftz, 161) zitiert*).
Wir hätten dieses Märchen, das das Buch der Brüder Grimmin allen Auflagen eröffnet, ebenso gut wie andere als Beispiel für diestilistischen Änderungen, die Wilhelm an der Vorlage vornahm,anführen können: der Text der Schlußredaktion ist mehr als doppeltso lang wie der der Handschrift; motivisch aber ist nichts geändert
*) Vorher steht nach dem in die Anmerkungen übergangenen Verweis aufRollenhagen: ,,conf. Kinderlieder. 2 Fragmente p. 85, 86, 87". Das ist ein Ver-weis auf die dem 3. Bande des Wunderhorns mit eigener Paginierung angehängtenKinderlieder, wo 85 f. unter der Überschrift Aus einem Kindermärchen die VerseKönigstochter jüngste usw. nach Gräters Text abgedruckt sind.