Die volkstümliche Kunstform des Märchens. 115
den literarischen, und nur die größere Sprödigkeit des in der Literaturschon zugeschmiedeten Materials, an dem nicht so viel gebosseltwerden konnte wie an dem dem Publikum meist noch fremden, daserst in der ihm von Wilhelm gegebenen Gestalt bekannt werden sollte,verhinderte die absolute Gleichmäßigkeit der Darstellung; immerhinbraucht es ein trefflich geschultes Ohr, um den Unterschied derHerkunft noch an den zubereiteten Märchen oder Märlein zu erkennen.Hamann meint, durch maßvolle und geschickte Anwendung derstilistischen Feinheiten hätten die literarischen Vorlagen neue, reicheSchönheiten erhalten; das stimmt in noch höherm Maße bei denmündlich überlieferten, die — seien wir ehrlich! —■ noch in den erstenNiederschriften der Brüder, wie sie in den ölenberger Manuskriptenvorliegen, ledern klingen, während sie in den gedruckten Textenimmer mehr zu Kunstwerken werden. Wie wir an dem Marienkindund dem Dornröschen gesehen haben, wie wir dies bei dem Vergleicheder einzelnen Märchen in den verschiedenen Auflagen beobachtenkönnen, ist Wilhelm bei der Bearbeitung ein Schaffender gewesen,ein Dichter geworden, ein Dichter, dem mit dem Märchen und demMärlein das geglückt ist, was Arnim für sich mit dem Liede ersehnte:„Ich würde es als einen Segen des Herrn achten, wenn ich gewürdigtwürde, ein Lied durch meinen Kopf in die Welt zu führen, das einVolk ergriffe!" Die Grimmschen Märchen haben unser Volk ergriffen,in schlimmen Tagen und in guten und wieder in schlimmen.
Doch dies nur nebenbei; in wissenschaftlichen Untersuchungensind ja derlei panegyrische Abschweifungen kaum in einer Parentheseangängig. Für den Zweck, dem dieses Buch dient, ist es wesentlichfestzustellen: Die Grimmschen Märchen sind, obwohl sie auf volks-mündlichen Überlieferungen oder volkstümlicher Literatur beruhen,Kunstform, nicht nur Sachliche Kunstform, die nebenher auch alsSprachliche Kunstform bezeichnet werden kann, sondern literarischeKunstform, gebildet nicht nur durch künstliche, sondern durch künst-lerische Motivverbindung und ausgeführt nicht nur mit den sprach-lichen Mitteln des-Volkes, sondern auch mit den Stil- und Ausdrucks-mitteln der literarischen Kultur, angepaßt allerdings dem Volks-tümlichen, ja dem Kindlichen. In den Grimmschen Märchen ist dievolkstümliche Kunstform des Märchens geschaffen, die sich von derabsoluten Kunstform, dem Kunstmärchen oder dem Novellenmärchenoder der Märchennovelle, nur in Einem unterscheidet, das jedoch einzweites bedingt: die volkstümliche Kunstform bindet sich unter Ver-zicht auf die Freiheit der Erfindung an die Überlieferung, deren Gutsie allerdings von überall her nimmt, und erzählt in einer sich zudiesen Überlieferungen schickenden Sprache.
Den Brüdern Grimm oder ihren Helfern sind ja die Märchen undMär lein im allgemeinen nicht mehr in einer Sachlichen Kunstform,von einer Sprachlichen gar nicht zu reden, sondern in der EinfachenForm, als Geschichten zugekommen, und wie die Märchen, die zudiesen gehörten, in Wirklichkeit ausgesehen hatten, haben sie, wennihnen nicht Ähnliches in einer alten literarischen Fassung bekanntwar, nie auch nur mit einiger Sicherheit feststellen können: es wäreja möglich, daß die zu Geschichten herabgesunkenen Märchen in