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Versuch einer Theorie des Märchens
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114 Wilhelm Grimms Arbeitsweise.

uns herrührt, versteht sich von selbst, doch haben wir jede Eigen-tümlichkeit, die wir bemerkten, zu erhalten gesucht, um auch in dieserHinsicht der Sammlung die Mannigfaltigkeit der Natur zu lassen . . .Verschiedene Erzählungen haben wir, sobald sie sich ergänzten, undzu ihrer Vereinigung keine Widersprüche wegzuschneiden waren, alseine mitgetheilt, wenn sie aber abwichen, wo dann jede gewöhnlichihre eigenthümlichen Züge hatte, der besten den Vorzug gegeben, unddie andern für die Anmerkungen aufbewahrt. Diese Abweichungennämlich erscheinen uns merkwürdiger, als denen, welche darin bloßAbänderungen und Entstellungen eines einmal dagewesenen Urbildessehen, da es im Gegentheil vielleicht nur Versuche sind, einem imGeist bloß Vorhandenen, Unerschöpflichen, auf mannigfachen Wegensich zu nähern." Diese Sätze stehen auch noch in der dritten Auflage,in jener Auflage also, wo das volksmündliche Märlein der Frau Wildschon abgedankt worden ist, aber auch noch in der sechsten und dersiebenten, zwischen die die dritte Auflage der Anmerkungen fällt,für die das volkstümliche Märlein keineswegs aufbewahrt worden,sondern zur Gänze unterdrückt worden ist, die aber trotzdem mitderselben Herkunftsbezeichnung beginnen wie im Jahre 1822:AusCassel" und nur beifügen:am besten und frühesten bei BurkardWaldis".

Wilhelm Grimm hat sich also hier nicht gerade streng an seinesonstige Weise des Erzählens gehalten in den Anmerkungen von1856 sagt er zu n° 161, er habe das Märchen der Caroline Stahl vondem undankbaren Zwerg benützt,aber nach meiner Weise erzählt",und diese Weise, die er noch 1822 (zu n° 130) auchunsere Weise"nennt, ist wohl dieselbe, an die Jacob gedacht hat, als er 1811 jeneAufforderung an die gesammten Freunde deutscher Poesie undGeschichte" zur Mitarbeit an einem von ihm geplanten AltdeutschenSammler entwarf; nachdem er für die einzelnen Einsendungen ebensowohl strenge Treue, ja Buchstabentreue, wie auch die größte Aus-führlichkeit und Umständlichkeit der Erzählung verlangt hat, fährter fort (R. Steig in der Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., XII, 134):Sowohlin Rücksicht der Treue, als der trefflichen Auffassung wüßten wirkein besseres Beispiel zu nennen, als die von dem seeligen Runge inder Einsiedlerzeitung gelieferte Erzählung vom Wacholderbaum,plattdeutsch, welche wir unbedingt zum Muster aufstellen und woranman sehen möge, was in unserm Feld zu erwarten ist." An dieseWorte Jacob Grimms hat sich denn auch Wilhelm im allgemeinengehalten; das Dialektische, das nicht nur in der Erzählung Van denMachandelboom, sondern auch in dem zweiten Stücke, das nach Rungein die Kinder- und Hausmärchen übernommen worden ist, De Fischerun sine Fru, eine so treffliche Stütze der Ausdrucksweise ist, mußteer freilich verwerfen bei der Ausmerzung einzelner Dialektwörterging er sogar zu weit, aber der Redeweise des Volkes wollte er sonahe kommen, wie es nur anging:Fortwährend bin ich bemühtgewesen, Sprüche und eigentümliche Redensarten des Volkes, auf dieich immer horche, einzutragen," schreibt er in der Vorrede zu dersechsten Auflage (s. dazu Bolte-Polivka, IV, 454). Diese Bemühungenaber galten den sogenannten volkstümlichen Fassungen genau so wie