Die Zurücksetzung der Darstellung aus dem Volksmunde.
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fein hinüber streck." Die koldaucht sich freudig und keck,Wolt auch wagen den ersten tritt.So bald sie kommet in die mittUnd sähe das waßer nider sausen,Begunt der kolen ser zu grausen,Stund still und war erschrockenhart. In dem der strohalm bren-nend wart. Zuhand zerbrach die-selbig brück, Fiel nab ins waßeran zwei stück. Die kol folgt baldhinnach und zischt, Da sie daswaßer auch erwischt. Des lachtdie bone auf dem grieß So ser,daß ir der bauch zerriß. Da liefbald hin dieselbig bone, Auf daßsie möcht irs leibs verschonen,Zum schuhster umb ein kleinenflecken, Damit sie mocht den rißbedecken. Der schuhster war einfrummer man, Nam sich der-selben bonen an Und sprach:„Wolan, mein liebe bone, Wenndu mirs treulich woltst belonen,Wolt ich dir deinen bauch ver-pletzen, Dafür ein schwarzenflecken setzen." Und griff baldhindersich zu rück, Schneid voneinr kalbeshaut ein stück Undnehts der bonen für das loch;Denselben flecken tregt sie noch.
Der Strohhalm streckte sich alsovon einem Ufer zum andern, unddie Kohle, die von hitziger Naturwar, trippelte auch ganz kek aufdie neugebaute Brücke. Als sieaber in die Mitte gekommen war,und unter ihr das Wasser rauschenhörte, ward ihr doch angst, sieblieb stehen, und getraute sichnicht weiter. Der Strohhalm aberfieng an zu brennen, zerbrach inzwei Stücke und fiel in den Bach:die Kohle rutschte nach, zischtewie sie ins Wasser kam, und gabden Geist auf. Die Bohne, dievorsichtigerweise noch auf demUfer zurückgeblieben war, mußteüber die Geschichte lachen, konntenicht aufhören, und lachte so ge-waltig, daß sie zerplatzte. Nunwar es ebenfalls um sie geschehen,wenn nicht zu gutem Glück einSchneider, der auf der [116] Wan-derschaft war, sich an dem Bachausgeruht hätte. Weil er einmitleidiges Herz hatte, so holteer Nadel und Zwirn heraus, undnähte sie zusammen. Die Bohnebedankte sich bei ihm aufs schön-ste, aber da er schwarzen Zwirngebraucht hatte, so haben seitder Zeit alle Bohnen eine schwarzeNaht.
Wie man sieht, hat Wilhelm Grimm nicht nur die ganze Vor-geschichte von der Rettung des Strohhalms, der Kohle und der Bohnevor dem bösen Weibe mit allen Einzelheiten, sogar mit den sechzigBrüdern des Strohhalms aus Waldis übernommen, sondern auch denTeil der Erzählung der Frau Wild, der der Fabel parallel ist, derliterarischen Darstellung angeglichen, und die einzige Konzession, dieer seiner Erzählerin gemacht hat, ist, daß er unter Verzicht auf denSchuster mit dem Flecken den Schneider mit der Naht beibehaltenhat. Die Volksmündlichkeit hat also der Literatur weichen müssen,und das hat wohl niemand mehr bedauert als Jacob Grimm, der fürden ersten Band der zweiten Auflage (XV f.) das Bekenntnis nieder-geschrieben hatte: „Was die Weise betrifft in der wir gesammelt,so ist es uns zuerst auf Treue und Wahrheit angekommen. Wir habennämlich aus eigenen Mitteln nichts hinzugesetzt, keinen Umstand undZug der Sage selbst verschönert, sondern ihren Inhalt so wieder-gegeben, wie wir ihn empfingen; daß der Ausdruck großenteils von
8 Prager Deutsche Studien, Heft 45.