Sprachliche Änderungen an den Vorlagen der Kinder- und Hausmärchen. 109
sagt die Handschrift: „Lange wollte es (das Marienkind) nicht, endlichaber konnte es seiner Neugierde nicht widerstehn. Es nahm denkleinen Schlüßel und schloß die Thüre auf . . .", und in dem Druckevon 1812 heißt es: „lange widerstand es seiner Neugier, endlich aberward es davon überwältigt und öffnete auch die dreizehnte. Undwie die Thüre aufging . . ."; in der dritten Fassung aber (in derersten Auflage der Kleinen und der dritten der großen Ausgabe)schreibt Wilhelm: „da empfand es eine große Lust, zu wissen wasdahinter verborgen wäre, und sprach zu den Englein: ,ganz aufmachenwill ich sie nicht, aber ein bischen aufschließen, damit wir durch denRitz sehen.' ,Ach nein,' sagten die Englein, ,das war Sünde: dieJungfrau Maria hats verboten und es könnte leicht dein Unglückwerden.' Da schwieg es still, aber die Lust und Neugier in seinemHerzen schwieg nicht still, sondern pickte ordentlich daran und ließihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal weggegangen waren,dachte es, nun bin ich ganz allein, wer siehts dann! und holte denSchlüssel. Und als es ihn geholt hatte, steckte es ihn auch in dasSchlüsselloch und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um.Da sprang die Thüre auf ..." — Später folgten natürlich nochweitere Verbesserungen.
Außerordentlich stark unterscheiden sich auch bei dem Dorn-röschen die gedruckten Fassungen von der handschriftlichen. Indieser heißt es, als die Königstochter dem Zauberschlaf verfallen ist,kurz: „Da auch in dem Augenblick der König und der Hofstaatzurückgekommen war, so fing alles, alles im Schloß an zu schlafen,bis auf die Fliegen an den Wänden. Und um das ganze Schloß zogsich eine Dornenhecke, daß man nichts davon sah"; Wilhelm Grimmaber schildert in der Ausgabe letzter Hand: „Und dieser Schlaf ver-breitete sich über das ganze Schloß: der König und die Königin, dieeben heim gekommen waren und in den Saal getreten waren, fingenan einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefenauch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf demDache, die Fliegen an der Wand, ja das Feuer, das auf dem Herdeflackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zubrutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas ver-sehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief.Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regtesich kein Blättchen mehr. Rings um das Schloß aber begann eineDornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich dasganze Schloß umzog, und darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehrdavon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach." Ebensowie diese Schilderung von dem Einschlafen des ganzen Schlosses, dieübrigens auf den Text der Belle au bois dormant zurückzugehenscheint, fehlt auch die Schilderung des Erwachens, die allerdings beiPerrault keine Entsprechung hat, in der handschriftlichen Vorlage.
Wir könnten noch das Märlein untersuchen, das in der Hand-schrift Vom Kätzlein und Mäuschen heißt, im Drucke aber Katzeund Maus in Gesellschaft und dort auf mehr als den dreifachen Umfangangewachsen ist, oder den Fundevogel, der in der Handschrift einFündling ist und Karl genannt wird, oder Die Wassernixe, oder Die