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Versuch einer Theorie des Märchens
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Der Gegensatz zwischen Wilhelm und Jacob Grimm. 107

heißt. Gemäß einer Randbemerkung Jacob Grimmssind Besen-binders Jungen" sind sie das wirklich in dem Drucke von 1812; von1819 an sind sie die Söhne eines Mannes geworden, der sich davonnährt, daß er Besen bindet, und nun ist der Goldschmied, dem sieden Goldvogel bringen, ihr Vatersbruder. Dieser Vogel verkündetin der Handschrift (61):wer ißt mein Herzelein, der wird bald Kaiserseyn, wer ißt mein Leberlein, findt alle Morgen unterm Kissen einGeldbeutelein", und so lautet die Verkündigung auch noch 1812 mitdem geringen Unterschiede, daßKaiser" inKönig"Geld-beutelein" inGoldbeutelein" geändert worden ist. Seit 1819 aberspricht der Vogel nichts mehr, sondern der Goldschmied hat, ohnedaß man erführe, woher, die Kenntnis von den in ihm steckendenGaben, und diese sind nicht mehr doppelt:Wer Herz und Lebervon ihm, fand jeden Morgen ein Goldstück unter seinem Kopf-kissen"; von einem Kaiser- oder König-Werden also keine Spur mehr,und auch die Goldstücke, die beiden Jungen allmorgendlich zuteilwerden, spielen in dem weitern Verlauf des Märchens keine nennens-werte Rolle. Hier haben die Grimm im Gegensatze zu ihrem sonstigenVorgehen ein Motiv getilgt; allerdings konnten sie von seiner Wich-tigkeit, da die Erzählung der Handschrift unvermittelt abbricht undihnen die alten orientalischen Fassungen*) ebenso unbekannt waren,wie das deutsche Märchen, das ihnen im März 1828 zugehen sollte(W. Schoof in den Hess. Bl. f. Volksk., XXIX, 114 f.), damals nochkeine Ahnung haben.

Man sieht aus diesen Beispielen, daß die Brüder Grimm mit denMotiven bei den handschriftlichen Quellen ebenso umgegangen sind,wie bei ihren gedruckten Vorlagen: sie schieden aus, was ihnen nichtpaßte, und fügten ein, was ihnen zu passen schien; das setzten sieoder besser, setzte Wilhelm Grimm auch bei den spätem Auflagenfort, indem er das ihm gut Scheinende, das neue Varianten brachtenoder das ihnen unabhängig von dem betreffenden Märchen zukam, indie Texte verarbeitete. Hin und wieder hat er dabei einen Fehlerbegangen, wie wir oben bei der Besprechung des 13. Märchens (Diedrei Männlein im Walde) gesehen haben, aber im allgemeinen hatteer eine außerordentlich glückliche Hand, die er freilich an den derLiteratur entnommenen Stücken geübt hatte. Jacob Grimm aller-dings hatte im Dezember 1810, also wohl noch, bevor sie, damals nochbeide, die Redaktionsarbeit ernstlich in Angriff genommen hatten,erklärt:Für Verschmelzung mehrerer Recensionen in eins odergar für Restaurationen mangelhafter bin ich einmal durchaus nicht"(Zeitschr. d. Ver. f. Volksk., XII, 132), aber später scheint er sichdoch mit diesen Methoden abgefunden zu haben in der Überzeugung,daß alle Märchen unserer Sammlung ohne Ausnahme, mit allenihren Umständen schon vor Jahrhunderten erzählt worden sind" unddaßnur nach und nach manches Schöne ausgelassen worden ist"(Brief an Arnim bei Reinh. Steig, Achim von Arnim und Jacob und

*) Außer den bei Bolte-Polivka, I, 543 gegebenen Nachweisungen wärennoch zu nennen die bei Joh. Hertel, Jinakirtis Päla und Göpäla, 54 f. (zu 37 t.)angeführten Stellen, weiter Kathäkoäa, 126 f. und Zeitschr. d. D. Morgenl. Ges.,LXXV, 87 (aus einer tibetanischen Rezension der Vetälapancavimäatikä).