IOÖ Motivische Änderungen an den Vorlagen der Kinder- und Hausmärchen.
von der hl. Agnes belegen, und neu ist auch in dem Märchen —■ von derzweiten Auflage an — das Motiv, daß der Scheiterhaufe, auf dem dienunmehrige Königin verbrannt werden soll — in der Handschriftträgt sie da wieder das dunkelrote Kleid —, von dem Himmelgelöscht wird, der zu regnen beginnt, so wie der Scheiter häufe, aufdem Kroisos, nach Herodot (I, 87), den Flammentod hätte findensollen*).
In der Anmerkung zu n° 9 (Die zwölf Brüder) heißt es, in ihrerVorlage habe der Zug gefehlt, „daß das Mädchen durch die zwölfKinderhemder aufmerksam wird und nach seinen Brüdern fragt, deraus einer andern, sonst dürftigern Erzählung, gleichfalls aus Hessen,hereingenommen ist"; tatsächlich aber hat nicht nur dieser eine Zug,sondern haben mehrere „gefehlt", und diese sind schon in der Hand-schrift am Rande verzeichnet (Lefftz, 74 t. und 163 f.), darunter auch:„Das Mädchen geht in den Wald und setzt sich in einen holen Baumund spinnt, einmal geht ein König auf die Jagd, und sein Hund belltvor dem Baume usw."
Zu der Vorlage von n° 45 (Des Schneiders Daumerling Wander-schaft), die in der Handschrift Vom Schneiderlein Daumerling betiteltist, findet sich u. a. die Randbemerkung: „Warum hat denn derFuchs die armen Hüner zu freßen kriegt? — Ei, du Narr, dem Vaterwird ja sein Kind lieber seyn als die Hüner", und dieses Zwiegesprächkehrt denn auch in dem Schluß des gedruckten Textes wieder.
Beim Dornröschen ist es in der Urfassung und auch noch in derersten und der zweiten Auflage ein Krebs, der der Königin eine Tochterverspricht; in der sogenannten Kleinen Ausgabe ist seit ihrem erstenErscheinen (1825) und dann auch in der Hauptausgabe von der drittenAuflage an (1837) der Krebs durch einen Frosch ersetzt. Wichtigeraber als diese Änderung, zu der wohl den Anstoß die Tatsache gegebenhat, daß der Frosch auch sonst oft eine Rolle in den den Brüdernvorgelegen habenden Märchen spielt, der Krebs aber nicht, ist, daßin der Handschrift die nicht eingeladene dreizehnte Fee mit ihrerUnheilsverkündigung erst zum Schlüsse erscheint und die andernFeen, die bereits das Kind mit allen Tugenden und Schönheiten begabthaben, den Fluch mildern, während in den gedruckten Texten schon1812 die dreizehnte Fee schon kommt, als erst elf ihren Segen gespendethaben, so daß ihn die Zwölfte noch frei hat, und dieser Zug ist ausder Belle au bois dormant Perraults genommen, wo sich eine dersieben eingeladenen Feen versteckt, um zur rechten Zeit hervortretenund die Verwünschung der uneingeladenen mildern zu können. Auchkommt in der Vorlage der Name Dornröschen überhaupt nicht vor,und von wem ihr Titel Dornröschen herrührt, ist nicht feststellbar.
Sehr interessant ist, im Hinblick auf die einzelnen Bestandteile,die Kompilation, die seit der zweiten Auflage unter dem Titel Diezwei Brüder (n° 60) erscheint. Ihr Beginn beruht auf dem 60. Märchenvon 1812, betitelt Das Goldei, und dieses geht auf eine Geschichtezurück, die in der Handschrift Die zwei Schornsteinfegers Jungen
*) Zu dem Motiv vgl. E. Rohde, Der griechische Roman, 1876, 392, n. 3und W. Aly, Volksmärchen, Sage und Novelle bei Herodot, 1921, 233.