Motivische Änderungen an den Vorlagen der Kinder- und Hausmärchen. 105
Aufzeichnungen, die den Brüdern als Vorlagen für die Kinder- undHausmärchen gedient haben.
Ende Oktober 1810, also fünf Vierteljahre vor jenem BesucheArnims in Kassel, der den letzten Anstoß zu der ersten Veröffent-lichung eines Teils ihrer Märchen geben sollte, haben die Brüder alles,was ihnen bis dahin an mündlicher Überlieferung zugegangen war,an Clemens Brentano zu beliebiger Verwendung gesandt; diese Hand-schriften sind später, zugleich mit der Urschrift von BrentanosChronika des fahrenden Schülers, durch einen Freund von ihm, denAbt Ephrem van der Meulen, in die Bibliothek von dessen Klosterölenberg gelangt, und erst in diesem Jahrhundert sind sie durch denDruck zugänglich gemacht worden: zum ersten Male in nicht ganzeinwandfreier Weise 1924 durch Franz Schultz, dann 1927 durchJosef Lefftz (Märchen der Brüder Grimm. Urfassung nach derOriginalhandschrift der Abtei ölenberg im Elsaß). Die Manuskripteumfassen 66 Blätter: 40 davon mit 66 beschriebenen Seiten sind vonder Hand Jacob Grimms, 18 Blätter mit 32 beschriebenen Seiten vonder Hand Wilhelms, und 8 Blätter mit 15 beschriebenen Seitenstammen von vier Gewährsleuten. Obwohl nun anzunehmen ist, daßdie 58 Blätter, die von den Brüdern beschrieben sind, nicht mehr dieursprünglichen Texte, sondern schon Überarbeitungen enthalten,gestatten sie uns doch einen Einblick in die Werkstatt, aus der dieKinder- und Hausmärchen hervorgegangen sind.
Als n° 34 dieser Aufzeichnung erscheint, geschrieben von WilhelmGrimm, ,.Marienkind" (Lefftz, 55 f.). Das vierzehnjährige Mägdleinerhält dort von der hl. Jungfrau, die verreisen muß, die goldenenSchlüssel zu allen Türen des Himmelreichs, und alle darf sie öffnenbis auf die eine, die der kleine Schlüssel aufschließt; das Marienkindöffnet denn auch alle, zum Schlüsse aber auch die letzte, die ver-botene, und da sieht sie „in unbeschreiblichem Glanz und Herrlichkeitdie Dreifaltigkeit sitzen". In den Drucken aber sind es zwölf Türen,die sie aufschließen darf, und in jeder dieser Wohnungen sieht sie inPracht und Herrlichkeit einen Apostel; hinter der dreizehnten aber,der verbotenen, sieht sie „im Feuer und Glanz die Dreieinigkeit sitzen".Jacob Grimm nun hat zu der Handschrift seines Bruders die Rand-bemerkung gemacht: „einige erzählen vom Aufschließen zwölferSchränke, in jedem sitzt ein heil. Apostel, im dreizehnten unser lieberHerr Gott"; aus dieser Variante stammen also die Zwölfzahl derTüren und die Apostel, die Schränke aber sind zugunsten der Woh-nungen gefallen. Eingefügt weiter ist in die für den Druck bestimmteFassung das Motiv von dem Finger, der golden wird, als das Marien-kind an den Glanz rührt, und das Gold nicht mehr verliert. In derHandschrift weiter bleibt das Mädchen nur einen Winter in demWalde; so meint es wohl auch die erste Auflage, später wird einelange Zeit daiaus, und schließlich heißt es (von der sechsten Auflagean): „So saß es ein Jahr nach dem andern." In der Handschrift trägtdas Mädchen, als sie von dem Könige gefunden wird, noch immerdas dunkelrote Samtkleid, das sie auch im Himmel getragen hat,während sie im Märchen nur von ihrem Haar bedeckt ist, was dieAnmerkungen erst 1856 als einen alten Zug bezeichnen, den sie u. a.