Der Tempuswechsel bei Wisser. 103
(II, 186), die von einem Gewohnheitslügner, einem Edelmann, erzählt,der sich als Kutscher einen Mann dingt, der. seine Lügen zu bewährenversteht: als dieser, um das angebliche Jagdglück seines Herrn glaub-haft zu machen, selber aufschneidet, tut er dies in dem Imperfekt,das der Bericht über ein eigenes Erlebnis erheischt. Ebenso springtder Erzähler einer Variante der Grimmschen Beiden Künigeskinner,seines Zeichens Kuhknecht, nachdem er zum Schlüsse noch im Perfek-tum erzählt hat, daß er bei der Hochzeit von Alexander und Annlenoregewesen sei, plötzlich ins Imperfektum um, weil er das nun Folgendeals erlebt darstellen will (II, 54).
Dieser jähe Tempuswechsel ist denn auch überall zu beobachten,wo eine Person der Erzählung selber in direkter Rede als Erzählereigener Erlebnisse auftritt: so der ausgediente Tambur, der von derWirtsfrau Geld erpreßt, indem er von ihrem Liebesabenteuer zu erzählenanhebt, dessen Zeuge er gewesen ist (I, 283), so, in einer Parallele zudem Gelernten Jäger, der junge Held, als er vor der Königstochterdie Ereignisse jener Nacht erzählt, wo er ihr die Jungfrauschaftgenommen hat (II, 22 f.), so der Hasenhüter, der, um drei Säcke vollzu lügen, wahrheitsgemäß berichtet, um welchen Preis er der Prinzessin,ihrer Mutter und dem König je einen Hasen verkauft hat (I, 145),so der Reitknecht, der, um seinen Herrn zu retten, in verblümterund doch deutlicher Weise von den Versuchen der Prinzessin erzählt,die Lösung des ihr aufgegebenen Rätsels zu erhalten (II, 61 f.), sodie Müllerstochter, die in der Form eines Traums schildert, was siebei dem Besuche des Räuberbräutigams erlebt hat (II, 94 f.).
Bei all diesen Geschichten, die die in Wissers Märchen oder Märleinhandelnden Personen erzählen, ist der tatsächliche Inhalt von vorn-herein gegeben; wir kennen ihn schon vorher, da es sich um unsgeschilderte Erlebnisse des noch nicht zum Erzähler gewordenenHelden handelt. Anders verhält es sich bei dem Stücke De Fisch-prinzessin un de Snider (I, 99): hier gilt es, eine verwünschte Königs-tochter zum Sprechen zu bringen, und das wird erzielt, indem sieder Freier durch eine von ihm erzählte Geschichte zum Widerspruchereizt. Zu diesem Zwecke genügt es, daß die Geschichte absurd ist jansonsten ist ihr Inhalt keineswegs durch die Haupterzählung bedingt,so daß der Erzähler des Ganzen bei der Wahl der Geschichte, die erseinen Helden der Prinzessin erzählen lassen wollte, völlig freie Handgehabt hat und nicht just eine übrigens verdorbene Variante zu demindischen Märlein von der Erschaffung eines Mädchens durch mehrerekunstreiche Gesellen (s. Bolte-Polivka, III, 53 f.) hätte heranziehenmüssen; wären ihm z. B. die vier durch eine Rahmenerzählung ver-bundenen Märlein des Kathäratnäkara, mit denen König Vikramädityaeine Prinzessin verleitet, ihr Schweigen zu brechen (n° n°, 154—157)bekannt gewesen, so hätte er vielleicht dem Schneider ein andres inden Mund gelegt oder ihn, wie so nebenher beigefügt sei, das, dasdieser jetzt erzählt, besser erzählen lassen. Keinesfalls aber hätte erdie Zeitform der Darstellung geändert, die diesmal, zum Unterschiedevon all den bisher besprochenen in die Haupterzählung eingeschobenenGeschichten, das Perfektum ist, also das Tempus, das er auch in dersich um diese Geschichte abspielenden Haupterzählung verwendet