102 Buchdeutsch und gewachsenes Deutsch. — Wissers Märchensammlung.
und seiner Erfüllung beobachtet, sondern in seiner Vollendung erfahrenhat, in dem Perfektum erzählt oder erzählen sollte*).
Nun hat leider das Buch- und Zeitungsdeutsch, also das Papier-deutsch das richtige, das gewachsene Deutsch ziemlich allgemein ver-drängt, aber gelegentlich findet man noch immer Beispiele für dieRichtigkeit dieser Auffassung, über die freilich die Handbücher derdeutschen Syntax, soweit wenigstens mir bekannt, allesamt schweigen.In Otto Sutermeisters Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz,1869, in J. Jegerlehners Sagen und Märchen aus dem Oberwallis, 1913,in Ernst Meiers Deutschen Sagen, Sitten und Gebräuchen aus Schwaben,1852, um nur einige Belege anzuführen, erzählen alle Stücke, die imDialekt wiedergegeben sind, also in der Fassung, wie sie der Auf Zeichnerhörte oder gehört haben wollte, und nur diese im Perfekt; der Restdieser Sammlungen, der hochdeutsch erzählt, benützt das papiereneImperfekt. Nun könnte man einwenden, diese Beispiele seien belanglos,weil es in den oberdeutschen Dialekten, die hier angewandt werden,mit alleiniger Ausnahme der Kopula (war, waren) überhaupt keineImperfektbildung gibt, weshalb denn auch den Brüdern Grimm keinVorwurf zu machen wäre, daß sie gelegentlich, z. B. bei der Gänse-hirtin am Brunnen (n° 179), das Perfektum ihrer Vorlage**) in dasImperfekt umgeändert haben, und weshalb Dinge, wie die auffallendeTempus-Änderung des 100. Märchens (Des Teufels rußiger Bruder)bei der Umsetzung in eine lothringische Mundart (J. M. Firmenich,Germanische Völkerstimmen, II, 551) keinerlei Bedeutung habenkönnten; dem ist aber nicht so, und das beweist klipp und klar eineniederdeutsche Märchen-, Schwank- und Schnurrensammlung, nämlichWilh. Wissers Plattdeutsche Volksmärchen (aus Ostholstein). In demersten Bande (1914) ist unter den mehr als sechs Dutzend Märchenund anderswo zu registrierenden Stücken nur eines, das, nebendem Praesens historicum, nicht das Perfektum, sondern das Imper-fektum verwendet, und dieses (74: Gnideln un Fidein), das zu demJud im Dorn gehört, erzählt in der Ich-Form, so daß das Märcheneine Lügengeschichte geworden ist; ebenso stehen im zweiten Bandedie vier schon durch den gemeinsamen Titel Lögenhafti to vertell'ncharakterisierten Geschichten (103, 127, 187 und 213), die ebenfallsdurch die Ich-Form die Wirkung auf Hörer und Leser steigern wollen,selbstverständlich im Imperfektum, und das trifft auch auf die NaNestadt genannte Schnurre zu (29), die eine Parallele zu einem Ab-schnitt der vorletzten der ebengenannten Lügengeschichten bietet.***)Noch auffallender und bezeichnender aber ist bei Wisser eine Geschichte
*) Der gelegentliche Übergang in das Praesens historicum ist natürlichbeiden Ausdrucksformen gemeinsam.
**) Im Perfektum werden in der Grimmschen Sammlung nur drei Märchenerzählt, nämlich n° 82 (dazu auch eine Variante), n° 95 und n° 165, und diesesind allesamt in oberdeutschen Mundarten abgefaßt; dazu kommt noch aus demNachlasse der Brüder das Märchen von dem Dankbaren Toten und der aus derSklaverei erlösten Königstochter.
*•*) Es handelt sich um die zuerst in Sacchettis 17. Novelle vorkommendeGeschichte, deren Held, ein Knabe, der in einer Tonne sitzt, einen Wolf, dermit seinem Schwanz ins Spundloch geraten ist, festhält und sich so von demgeängstigten Tiere wegfahren läßt.