Rückbildung des Märleins und des Märchens in die Einfache Form. IOI
Da ergibt sich nun schier zwangsläufig der fragende Einwurf: „Ja,können denn diese Märchen, die man uns in unserer Kindheit erzählthat, diese schlichten Geschichten, die so gar nichts aus sich machenwollten, als Vertreter einer Kunstform bezeichnet werden ? Und dieseFrage, deren rhetorischer Ton ein kräftiges Nein zu erheischen scheint,erheischt eine sofortige Beantwortung.
Eine ganze Reihe von toskanischen Novellen, um diesen glück-lichen Terminus beizubehalten, ist in den Volksmund übergegangen:um nur Ein Beispiel zu geben, sei an Boccaccios Griselda erinnert,von der Reinhold Köhler vor sechzig Jahren neben Bearbeitungenin Volksbüchern in allerlei europäischen Sprachen, Geschichten-sammlungen, Balladen, Schauspielen usw. (Ersch-Gruber, I. Sekt.,XCI, 413 f.; Kl. Schriften, II, 501 f.) einige Wiedererzählungen ausdem Volksmunde mitgeteilt hat; und diesem zweiten Teile seinerArbeit (Archiv f. Litgesch., I, 409 f.; Kl. Sehr. II, 534 f.) hat er denTitel gegeben „Die Griseldis-Novelle als Märchen", während die Unter-abteilungen „Das deutsche Märchen", „Das dänische Märchen" usw.heißen. Köhler hat also hier das Wort Märchen in demselben Sinnegebraucht wie die Brüder Grimm, nämlich in dem Sinne einer imVolksmunde lebenden Erzählung, die er dem Künsterzeugnis, derNovelle, wie sie Boccaccio in der Sprache Toskanas geschrieben undPetrarca lateinisch bearbeitet hat, gegenüber stellt. Wir aber dürfendiese Bezeichnung nicht anwenden: das, was z. B. Joseph Zingerlein den Kinder- und Hausmärchen aus Süddeutschland, 1854, 291 f.von seinem Griseldele dem Tiroler Volksmund nacherzählt hat, ist, vor-ausgesetzt, daß er nichts daran geändert hat, für uns eine Geschichte:ihr erster Erzähler hat sie wohl einem Volksbuch nacherzählt, alshätte er sie selber erlebt; das Lesen oder das Hören des Volksbuchsersetzte die Ohren- und die Augenzeugenschaft, und so ist aus derKunstform der Novelle die Einfache Form der Geschichte geworden.Ähnlich wird denn auch aus der Zeitungsdarstellung eines Ereignissesdurch das Weitererzählen eine Geschichte; zu einer Geschichte wirdaber auch durch die Nacherzählung eines aus einem Dorfe in die Stadtverschlagenen schlichten Menschen die Fabel eines Dramas oder einerOper, deren Aufführung er beigewohnt, die er als Augen- und Ohren-zeuge erlebt hat, und hat ein Kind etwa eine Dramatisierung des Dorn-röschens oder des Gestiefelten Katers aufführen sehn, so bringt esdavon in unserm Verstände der zwei Wörter kein Märchen nach Hause,sondern eine Geschichte. Ebenso verhält es sich aber auch mit derVerbreitung des Märchens und selbstverständlich auch des Märleinsim Volksmunde: angenommen, ich lese heute einer alten Frau irgend-wo auf dem Lande ein Märlein oder ein Märchen vor, und sie merktsich den Hergang: erzählt sie ihn weiter, so ist das, was sie erzählt,dem Inhalt nach natürlich gebheben, was es war, der Form nach aberist es eine Geschichte geworden. Zum Glücke hat die deutsche Sprachefür dieselbe Erzählung zweierlei Formen des Ausdrucks: das Selbst-erlebte, das, was sich von selbst gemacht hat, wird im Imperfektumerzählt oder sollte wenigstens im Imperfektum erzählt werden, indem Unvollendeten, das der Zeuge des werdenden und sich erfüllendenVorgangs wählt, während der, der den Vorgang nicht in seinem Werden
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