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Versuch einer Theorie des Märchens
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100 Die Sachliche Kunstform: das Märchen.

erfundenen Erzählungen, soweit sie Motive der Einfachen Form, alsoGemeinschaftsmotive samt den Wahnmotiven benützen, wie beispiels-weise die Natursagen, die Tiergeschichten, die Lügengeschichten usw.

Wie man sieht, hat das, was wir gemeiniglich unter einem Märchenoder einem eigentlichen Märchen verstehen, in dieser Kategorisierungkeine Statt, aber schon des Umstands halber, daß es über die SachlicheKunstform des Märleins hinausgeht, haben wir auch das Märchenunter die Kunstformen einzureihen.

Mit dieser Einreihung geraten wir wieder in einen Gegensatz zuAndre Jolles. Dieser hebt in dem das Märchen behandelnden Ab-schnitte seines Buches aus dem Briefwechsel zwischen Achim vonArnim und Jacob Grimm hervor, daß für diesen Kunstpoesie eine Zu-bereitung, Naturpoesie ein Sichvonselbstmachen ist (222), und stelltdiesem Gegensatz sehr richtig den Gegensatz Kunstform * EinfacheForm gegenüber, allerdings, um die Novelle den Kunstformen, dasMärchen den Einfachen Formen zuzuweisen: die Novelle geht auseiner Zubereitung hervor, das Märchen macht sich von selbst. Nun,wir haben gesehen, daß sich nicht einmal das, was wir als SachlicheKunstform bezeichnet und Märlein genannt haben, von selbst macht das trifft nur bei der Geschichte zu, sondern das Ergebnis einerZubereitung ist; wie sollten wir dann das Märchen, das der Entwicklungnach später ist, weil es außer Gemeinschaftsmotiven auch Wunder-motive verwendet, den Einfachen Formen zuzählen ? Was Jolles vonder Novelle sagt, daß es nur an uns liegt, siean einen Teil der Weltheranzubringen, und daß sich, so oft wir das tun, jedesmal dieserTeil als Novelle darstellt", gilt auch schon von dem Märlein, und derweitere Satz, dies sei beim Märchen unmöglich,nicht weil im Märchendie Begebenheiten wunderbar sein müssen, während sie es in der Weltnicht sind, sondern weil Begebenheiten, wie wir sie im Märchen finden,überhaupt nur im Märchen denkbar sind", dieser Satz ist unrichtig:die Begebenheiten, die wir im Märchen finden und die es setzenwir hinzu von dem Mär lein und der Novelle unterscheiden, dieWunder, das Wunderbare, die Wundermotive, sie sind außerhalb desMärchens nicht nur denkbar, sondern wirklich vorhanden, ja sie sindfrüher vorhanden, als es ein' Märchen geben kann: sie sind schon indem Mythos da, der auch schon, wie wir gesehen haben, das Ergebniseiner Zubereitung ist; frei sozusagen aber werden sie erst mit demAbsterben des Mythos.

Das Mär lein, bei dem also von einem Sichvonselbstmachen keineRede sein kann, ist durchaus von dieser Welt; der Mythos gehörtin dem, was an ihm wesentlich ist, der andern Welt an, deren Gestaltenfreilich, weil der Mensch seine Götter immer nur nach seinem Bildeschaffen konnte, an der Menschen weit haften und von denselbenImpulsen bewegt werden wie die Menschen, von Liebe und Haß, vonRachedurst und Eifersucht, denen aber die Mittel der Wundermachtzur Verfügung stehen, die sich der Mensch vergeblich wünscht. DiesenWunsch, diese Sehnsucht des Menschen erfüllt das Märchen, jenemit bewußter Künstlichkeit, freilich im Anfang ohne künstlerischeAbsicht aus den Motiven des Diesseits und des Jenseits zubereiteteErzählung, die wir wieder als Sachliche Kunstform bezeichnen müssen.