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Versuch einer Theorie des Märchens
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Die Sachliche Kunstform: das Märlein. 99

Wir haben als Einfache Form der Erzählung die Geschichte fest-gestellt oder, sagen wir bescheidener, angenommen, und daher hättenwir nicht nur die Novelle, sondern haben auch das Märchen vor allemandern mit der Geschichte zu vergleichen, mit dem Tatsachenberichte.Nun ist es, auch wenn man annehmen wollte, daß es das, was wir Espritd'escalier, Treppenwitz nennen, unter einfachen Menschen nicht gebenkönnte, doch klar, daß nicht viele Geschichten sein werden, die nichtschon der zweite Erzähler nicht mehr so berichtet, wie er sie gehörthat, sondern mit Änderungen, die er an ihnen vornimmt, sei es, weiler sich davon einen Vorteil verspricht, sei es, weil er so einen Schadenabzuwenden hofft, oft aus Sympathie für den, der in der Geschichteschlecht wegkommt, oder aus Antipathie gegen den, der die Helden-rolle spielt, hin und wieder aber auch neben diesen Anlässen oderauch für sich allein aus Gründen seiner einfachen Ästhetik, die sichfreilich nicht so sehr in Hinsicht auf das, was wir, später, Stil nennen,wie in der Anordnung der Tatsachen, Beseitigung von Tatsachen undEinführung angeblicher Tatsachen auswirken, überdauert nun eineGeschichte die Zeit, wo es noch Leute gibt, die an den Menschen, vondenen sie handelt, irgendein Interesse haben, wie Nachkommen,Stammesangehörige, Volksgenossen von ihnen, ob sie ihnen nun feind-lich oder freundlich gesinnt sind, ob sie sie bewundern oder verab-scheuen, rettet sich also eine Geschichte in eine neutrale Zeit odergelangt sie in ein neutrales Land, so bleibt von all den Gründen, diedie Erzähler zu Änderungen veranlassen können, nur der zuletztgenannte übrig, das unbewußte oder bewußte ästhetische Empfinden,ungehemmt von irgendwelchen Bedenken. Es leuchtet ohne weiteresein, daß das, was aus der Betätigung eines solchen Schönheitstriebesentsteht, nicht mehr Einfache Form genannt werden darf, sondernschon eine Kunstform ist: von der Geschichte unterscheidet sie sichdurch die künstliche Anordnung der Motive, von der Novelle durchden Mangel der künstlerischen Darstellung. Wir haben also zwischender Einfachen Form und der absoluten Kunstform ein Mittelgliedeinzuschalten oder, besser, wir haben die Existenz dieses Mittelgliedesfestzustellen; dieses Mittelglied, das aus der Geschichte die Motive,das Sachliche nimmt und in dessen Anordnung der Novelle voraus-geht, bei der auch das sprachliche Moment in Betracht kommt, darffüglich als eine Sachliche Kunstform bezeichnet werden, und ich möchtees, da nun einmal aus Gründen der Praxis jedes Ding eine Etikettehaben muß, in Anlehnung an einen in diesem Sinne noch nicht er-loschenen Sprachgebrauch Märlein nennen.

Es ist leicht zu erkennen, daß unter den Begriff der SachlichenKunstform auch all das fällt, was wir Sage und Legende zu nennenpflegen, und so könnten wir, wieder dem Sprachgebrauch folgend,auch diese Erzählungsformen als Märlein bezeichnen; immerhin wollenwir, wieder aus praktischen Gründen, den Namen Märlein im beson-dern jener Sachlichen Kunstform vorbehalten, die nicht an Zeit oderOrt oder Persönlichkeit gebunden ist, Erzählungen also, etwa wie,um bei den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm zu bleiben,Der alte Großvater und der Enkel oder Die klare Sonne bringts anden Tag oder Das Totenhemdchen, schließlich aber auch durchaus

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