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Versuch einer Theorie des Märchens
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98 Jolles über Novelle und Märchen.

ist dieses Buch, dessen Mannigfaltigkeit und Buntheit den harmlosenLeser von Anbeginn an entzückte, dem Forscher aber seit langemdie schwierige Arbeit aufgab, das Ungleichartige zu scheiden und dasGleichartige zusammenzufassen, Vorbild und Muster für all die spätemMärchensammlungen geworden, und Andre" Jolles hat durchaus Rechtmit seinen Feststellungen (219):Man pflegt ein literarisches Gebildedann als Märchen anzuerkennen, wenn es allgemein ausgedrücktmehr oder weniger übereinstimmt mit dem, was in den GrimmschenKinder- und Hausmärchen zu finden ist", undMan könnte beinahesagen, allerdings auf die Gefahr hin, eine Kreisdefinition zu geben:ein Märchen ist eine Erzählung oder eine Geschichte in der Art, wiesie die Gebrüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen zusammen-gestellt haben."

Man könnte sagen . . .; wirklich sagen will das Jolles nicht,aber andererseits gibt er auch sonst nirgends eine Umschreibung desBegriffes Märchen, die den Bedingnissen einer Definition gerecht würde.Er stellt das Märchen, das für ihn eine Einfache Form ist, der Kunst-form Novelle gegenüber, das heißt, der von ihm so genannten toskani-schen Novelle, deren erste Beispiele er in Boccaccios Dekameronerbückt, und diese versucht, nach ihm (228),eine Begebenheit oderein Ereignis von eindringlicher Bedeutung in einer Weise zu erzählen,die uns den Eindruck eines tatsächlichen Geschehens gibt und zwarso, daß uns dieses Ereignis selbst wichtiger erscheint als die Personen,die es erleben"; zum Unterschiede von dieser Kunstform hat die Ein-fache Form, das Märchen, von vornherein eine andere Tendenz (231):Sie ist, wenn wir uns zunächst negativ ausdrücken, erstens nichtmehr bestrebt, ein Ereignis von eindringlicher Bedeutung zu geben,denn sie gibt von Ereignis zu Ereignis springend ein ganzes Geschehen,das sich erst zuletzt in einer bestimmten Weise zusammenschließt;und sie ist zweitens nicht mehr bestrebt, dieses Geschehen so darzu-stellen, daß es uns den Eindruck eines tatsächlichen Geschehens macht,sondern sie arbeitet unausgesetzt mit dem Wunderbaren."

Diesen letzten Satz können wir, da er nicht nur den Unterschiedzwischen Märchen und Novelle, sondern auch zwischen Märchen undGeschichte aufzeigt, in diesem Sinne vollinhaltlich unterschreiben;nicht so auch den ersten! es ist einfach nicht wahr, daß die toskanischeNovelle, um bei dem Terminus von Jolles zu bleiben, nicht ebenso,wie das Märchen, von Ereignis zu Ereignis springend, ein ganzesGeschehen gäbe; man denke etwa an die drei letzten Novellen desDekamerons, die von Titus und Gisippus, die von Saladin und MesserTorello und die von Griselda, die wirklich von Ereignis zu Ereignisspringen usw., an die Novelle von dem Grafen von Antwerpen (g. II,n. 8), deren Ereignisse sich auf einen Zeitraum von zumindest andert-halb Jahrzehnten verteilen, an die von den Schicksalen der FamilieCapece (g. II, n. 6), wo sich die Ereignisse sowohl zu Beginne, als aucham Ende in einer bestimmten Weise zusammenschließen, usw., usw.Für uns aber ist das von keiner wesentüchen Bedeutung; denn wirgehen grundsätzlich einen andern Weg, dessen Ausgangspunkt weithinter dem liegt, von dem Jolles ausgegangen ist, und jetzt ist es wohlan der Zeit, diesen Weg ein Stückchen weiter zu verfolgen.