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Versuch einer Theorie des Märchens
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Scherzmärlein in den Kinder- und Hausmärchen. <yj

Natursagen, von denen sie Bearbeitungen für ihr Buch übernommenhaben, sagen können (n° n° 148, 171, 172, 173, 176 und 194).

Um Scherzmärlein handelt es sich auch in dem Ersten und demZweiten Märchen, die von der Hochzeit der Frau Füchsin erzählen(n° 38): es sind nichts andres als menschliche Alltagsgeschichten, über-tragen in die Welt der Tiere, und so begreift man, daß Eduard Grise-bach nicht nur ein Seitenstück zu ihnen, sondern ihr Vorbild in derberühmten Novelle von der Matrone von Ephesus hat gefunden habenwollen. So weit aber brauchen wir nicht zu gehen: bietet schon die14. Fabel von Abstemius, die von Lafontaine bearbeitet worden ist,oder der Schwank bei Bebel, II, n° 71 oder Luthers Tischrede vomApril 1532 (Schlaginhaufen, 69, n° 231; Weimarer Ausg. II, 106, n° 1464)genug Anklänge, so tritt der Geschichtencharakter noch deutlicherhervor in einem Predigtmärlein des Dominikaners Gabriel Barletta(Fructuosissimi atque amenissimi sermones, fer. S-. hebd. 4-. Parisijs,1527, no a ): Facetia de illa vidua que mortuo viro videbatur desperare.Vocatus ego ad ipsam consolandam ivi. Cum ei dicerem: Non turbe-mini, quia dabimus alium pulchriorem, illa subridens totum lamentuma se abiecit. Könnte etwa diese Fazetie, wenn man sie einem Wolfein den Mund legte, der einer zur Witwe gewordenen Füchsin einenjungen Herrn Fuchs verspräche, zu einem Märchen werden?

Georg Stengel erzählt (1. II, c. 40, § 6; II, 505 f.) von einemMännchen in einer Reichsstadt, seiner Kleinheit wegen gemeiniglichMäuschen genannt, den seine Kinder auf einen Schemel steigen heißen,damit ihm eine in der Stube herumlaufende gereizte Gans nicht dieAugen auspicke, und bei dem Rückertschen Gedicht Das Männleinin der Gans (III, 12 f.) genügt der Titel, um seinen Inhalt ahnen zulassen; warum dürften wir diese Weihnachts- oder Alltagsspässe nichtMärchen nennen, wenn wir dies bei den Däumling-Märlein der BrüderGrimm tun sollten ? Und kann ein zu dem Zwecke einer Scharf-sinnsprobe konstruiertes Rätsel, wie das von den drei in Blumen ver-wandelten Frauen, von denen die, die in der Nacht daheim war, daranerkannt wird, daß auf sie kein Tau gefallen ist, ein Märchen oder einRätselmärchen genannt werden ? Und weiter: von dem Räuberbräutigam(n° 40) stand in der ersten Ausgabe eine andere Fassung, die einereine Geschichte darstellte, auffällig höchstens durch die Gesellschafts-schicht, in der sie spielte es handelte sich um eine Königstochter,die der ihr ebenbürtige Räuber nur heimführen will, um sie zu töten; seit 1819 ist ein Vogel eingeführt worden, der die Heldin, diejetzt eine Müllerstochter geworden ist, mit menschlicher Stimme warnt:Kehr um, kehr um, du junge Braut,du bist in einem Mörderhaus.Kann denn eine Geschichte, indem man ein Endchen Wunderbaresdaran stößt, ein Märchen werden ?

Als richtige oder eigentliche Märchen können unter den zwei-hundert Stücken der letzten Fassung der Kinder- und Hausmärchenkaum sechzig betrachtet werden; die weitaus größere Hälfte verteiltsich auf Sagen und Geschichten, darunter Wahngeschichten, Natur-sagen, Schwanke, Scherzmärlein von Menschen und Tieren, und viel-leicht ließen sich noch andere Unterabteilungen herausgliedern. Nun

7 Prager Deutsche Studien, Heft 45.