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Versuch einer Theorie des Märchens
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Der Hahnenbalken. 95

ereignet; man schlage die von Bolte und Polivka angegebene Literatur(II, 459 f.) Buch um Buch nach, immer wird man finden, daß es sichum Sagen handelt, denen das Grimmsche Kriterium der Gebunden-heit anhaftet, und durch die Lösung sind die zwei hessischen Geschichtenvielleicht äußerlich ihrer Sagenart entkleidet, aber keineswegs inMärchen umgewandelt worden. In den Anmerkungen, 1856, 185 nenntWilhelm Grimm selber die erste der erwähnten Erzählungen Baaders,die er aus dem frühern Abdruck in Mones Anzeiger, 1837, 174 kennt,eine Sage, er bezeichnet ebendort als Gegenstücke zu seinem Märchen(dem ersten der drei in n° 105 vereinigten Stücke) die n° 221 der vonihm und seinem Bruder gesammelten Deutschen Sagen, und zu demzweiten Märchen heißt es in den Anmerkungen, 1822, 193:dieselbeSage in der Niederlausitz bei Lübenau . . ."

So, wie die schätzespendende Schlange, sind auch die dienstfertigenWichtelleute, die eine Frau zur Kindstaufe oder zum Hebammen-dienst bitten, die Unterirdischen und der Wechselbalg Wahnmotive,und so heißt es in den Anmerkungen zu n° 39 (1822, 70, 1856, 68):Zu vergleichen sind die Sagen von dem stillen Volk, den wohl-wollenden Zwergen und gut gesinnten Kobolden im ersten Bandunserer deutschen Sagen"; schier selbstverständlich ist auch all das,was Bolte und Polivka an Parallelen beigebracht haben (I, 364370),in welcher Form immer es erscheint, Sage und nichts als Sage. Von derGeschichte von dem Spielhansel (n° 82) sprechen die Anmerkungenviermal als von einer Sage, und überdies beginnt der Schlußabsatzdieser Anmerkung:Hier ist ein recht vollständiges Beispiel vonder Ausbreitung und lebendigen Mannigfaltigkeit einer Sage" (1822,148; 1856, 142; Bolte-Polivka, II, 187); andererseits heißt es vondem Bruder Lustig (n° 81) zu Beginn der Note:Einzelne Teile dieserSage werden auch wieder für sich als besondere Märchen erzählt"(1822, 133; 1856, 129).

Besonders interessant aber ist die Entwicklung des 149. Stücks,benannt Der Hahnenbalken. Der vorhin erwähnte Etienne de Bourbonerzählt von einem Zauberer, der es mit Hilfe seiner Dämonen zuwegegebracht habe, daß die Leute meinten, ein Hahn, der an einem Fadeneinen Span zog, ziehe einen riesigen Balken an starken Stricken (Bolte-Polivka, III, 203). Etwas Ähnliches, das sich in dem 3. Teile derConvivales sermones von Johann Gast, 1561, 77 als Exzerpt aus einembisher noch nicht ermittelten Werke vorfindet, ist wohl nach der Über-schrift De mago rustico 1510 in dieses Jahr zu verlegen; nachdemder unbekannte Autor eine Geschichte erzählt hat, die eine Paralleleauch in der Sage von Faust hat, führt er fort:Siehe, lieber Leser,was diese Zauberer vermögen! Manche verstehen sie auch zu ver-blenden, so daß sie etwas zu sehen glauben, obwohl sie nichts sehen.So habe ich selber einmal einen Hahn einen Ungeheuern Balken ziehensehn, und doch war es nichts andres als ein Halm." 1585 berichtetdann Augustin Lercheimer (Hermann Witekind) in Christlich bedenckenund erinnerung von Zauberey (Neudruck der Ausgabe 1597 von C. Binz,1888, 26) von zwei Schulknaben, die er beide gekannt hat: der eine,der fromm war, sah einen Hahn, der einen Halm zog, der andere aber,