94 Sagen in den Kinder- und Hausmärchen.
hunderts von dem Brahmanen Harisarman erzählen, klingt ja reichlichunwahrscheinlich, aber als Märchen dürfen wir weder die indischenErzählungen, noch die des deutschen Humanisten bezeichnen, undauch was wir durch Fra Salimbene von einem Exempel erfahren*),trägt keinerlei märchenhaften Charakter; und der Doktor Allwissendsollte ein Märchen genannt werden dürfen ? Der arme Junge imGrabe (n° 185) ist einer Geschichte in Aurbachers Büchlein für dieJugend nacherzählt: diese beginnt und endet mit der Bearbeitungeines zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts in Italien nach-gewiesenen Schwankes, der aber nicht nur in seinem Schlußteil, vondem es eine ältere persische Fassung gibt, auf arabischen Vorlagenberuhen dürfte; in die Mitte hat Aurbacher oder wen immer er aus-geschrieben hat — vielleicht ist es ein Jesuit gewesen —, zwei Episodeneingeschoben: die zweite schildert, wie der arme Junge beim Häcksel-schneiden in seiner Ungeschicklichkeit zugleich mit dem Stroh auchsein Röckchen zerschneidet, was alle Tage vorkommen kann, unddie erste geht auf eine Geschichte zurück, die sich auf Hispaniolaoder Haiti bald nach der Entdeckung zugetragen haben soll, sichwahrscheinlich auch zugetragen hat und in einer ausgeschmücktenForm u. a. auch von Lope de Vega (in dem Drama El Nuevo Mundodescubierto por Christoval Colon, jorn. 3, esc. 5, 7, 8) bearbeitetworden ist**). Die Dummheit dieses armen Jungen ist ja märchenhaft;wer wird aber deswegen die halblächerliche, halb weinerliche Ge-schichte, die denn auch nirgends eine Nachahmung gefunden hat,ein Märchen nennen wollen ?
Sehr groß ist unter den Kinder- und Hausmärchen die Zahl derGeschichten, die neben den Gemeinschaftsmotiven auch Wahnmotiveoder auch als erwähnenswert nur Wahnmotive enthalten, also, wiewir oben gesehen haben, Sagencharakter aufweisen. So werden z. B.von den unter n° 105 (Märchen von der Unke) zusammengefaßtenStücken, deren letztes eine gewöhnliche Kinderschnurre ist, die andernzwei in all ihren sonstigen Vorkommen als Sagen bezeichnet: beiBernhard Baader, Volkssagen aus dem Lande Baden, 1851, spieltdie n° 98 auf dem Schlangenhof im Schappacher Stabe zu der Zeitdes „ehevorigen Hofbauers", die n° 106 in Kippenheim, die in Visperter-minen aufgezeichnete Erzählung Die Schlange mit dem goldenenKrönlein bei J. Jegerlehner, Sagen und Märchen aus dem Oberwallis,1913, 268 auf der Oberstenalp, die n° 59 bei F. J. Vonbun, Die SagenVorarlbergs, 1858 in Feldkirch, und die Geschichte bei Karl Seifert,Sagen, Märchen usw. aus Stadt und Stift Hildesheim, 1854, 14 hatsich „im Walle am Hagenthor" „lange vor der westphälischen Zeit"
*) Item exemplum illius qui divinavit de turre cadenda et de filio grilleet de tribus cucurbitis et de mure in Cucurbita. Et omnia casu dicebat fortuitu,et ex hoc appellatus fuit divinus (Mon. Germ, hist., Script, t. XXXII, 1905 f., 75).Zu der Wahrsagung von dem fallenden Turme s. das 34. meiner Märchen desMittelalters.
**) Siehe Alb. Wesselski, Ein amerikanisches Motiv in einem GrimmschenMärchen im Euphorion, XXX, 545 ff. (In der Fußnote auf S. 545 sind die Worte„die schon(l) Gottfried Keller" bis „neugestaltet hat" von der Redaktion desEuphorion gegen meinen Willen und ohne mein Wissen eingeschoben worden).