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Versuch einer Theorie des Märchens
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Geschichten in den Kinder- und Hausmärchen. 93

auch gelungen, und gerade die Häufung literarischer Erzählungengegen das Ende des Werkes zeigt, daß diese für sie nur als Lücken-büßer in Betracht kamen. Trumpf war ihnen der Volksmund, dertriumphieren sollte über die Literatur, und diese hatte ihm zurück-zuerstatten, was sie ihm verdankte; wenn wir das nicht auch sonst,so aus Äußerungen Jacob Grimms, wüßten, die Anmerkungen würdenes beweisen. Gemeinsam ist also allem, was die Brüder Grimm inihre Kinder- und Hausmärchen aufgenommen haben, das Volkstüm-liche oder, besser, das Volksmündliche, die Tatsache nämlich, daßdie Erzählungen im Volksmunde lebten oder gelebt hatten, und sosind ihnen die Erzählungen von dem Alten Hildebrand, von demBauer und dem Teufel und von dem Fuchs und der Frau Gevatteringerade so Märchen, wie die von dem Singenden springenden Löwen-eckerchen und von den Zertanzten Schuhen. Für die Brüder Grimmist, was ihre Sammlung betrifft, das einzige Kriterium des Märchensdie Herkunft aus dem Volksmunde, der geheimnisvolle Ursprung /aus dem Tiefen der Volksseele.

Von diesem Gesichtspunkte aus ist die innere Ungleichheit der /Grimmschen Sammlung zu verstehen, die von der äußern Gleich-artigkeit kaum bedeckt, geschweige denn verdeckt werden kann.Könnte denn eine Geschichte, wie die von dem Alten Großvater unddem Enkel (n° 78), die dasselbe erzählt wie eine niederländischeVariante eines weit verbreiteten Exempels (s. Fr. Heerman, GüldeneAnnotatien, Amsterdam, 1634, zitiert bei Alfr. de Cock, Studien enEssays, 39), durch die Taufe mit ein paar Tropfen Tinte ein Märchenwerden, ohne daß dies auch bei jener Geschichte des Aristoteles (Eth.Nicom., VII, 7, H49 b ) möglich wäre, die dasVolkslied" aus demKuhländchen einleitet, das von den Brüdern Grimm zitiert wird, umdie Volkstümlichkeit oder Volksmündlichkeit ihrer Erzählung zubekräftigen*) ? Oder kann die mittellateinische Erzählung des Ra-parius in irgendeinem Stadium der Verästelung ein Märchen werden,als das wir das Märlein von der Rübe nach dem Wunsche der BrüderGrimm ansprechen sollten ? Was Heinrich Bebel 1508 von einemKöhler, was Somedeva und Ksemendra um die Mitte des elften Jahr-

*) In dem Liede, dem wohl am Anfange mehr als nur Ein Vers fehlt, heißtes in der Übertragung ins Hochdeutsche bei Erk-Böhme, I, 577, n° 187:

,,Horch, mein Sohn, das ist genug!

Wir messen mit gleicher Elle:

Ich hab mein'n Vater auch geschleppt

Bis auf die Stubenschwelle."Und die angezogene Stelle des Aristoteles lautet: ,.Ebenso sagte ein andererzu seinem Sohne, der ihn an den Haaren schleifte, er solle ihn nicht weiter alsbis zu der Tür schleifen; denn auch er habe seinen Vater nur so weit geschleift."Zu der Verbreitung dieser Geschichte vgl. Boltes Noten zu Pauli, n° 760, weiterThe Table Talk of a Mesopotamian Judge, transl. by D. S. Mergoliouth, 1922,217 f., J. A. Herbert, Catalogue of Romances, III, 1910, 657, n° 145 (der Textabgedruckt bei J. Th. Welter, Tabula exemplorum, 1926, 107), Gentile Sermini,Le Novelle, 1874, 425, Luther, Werke, Weimarer Ausg., XXXVII, 103, LH, 390,Luthers Tischreden, Weimarer Ausg., V, 491 (als Gewährsmann Melanthon sowie bei Joh. Manlius, 227), Nie. Granucci, La piacevol notte, et leto giorno,Venetia, 1574, i6o»f., Henr. Engelgrave, Lux evangelica, Coloniae, 1655, II, 781(verbindet dieselben Geschichten wie das sogenannte Volkslied).