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Versuch einer Theorie des Märchens
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92 Die Grimmschen Kriterien der Märchen.

gefallen, eine scharfe Grenze zwischen den legendenartigen Märchenund solchen Zaubermärchen zu finden, in denen ein übernatürlicherGegner auftritt, und in gleicher Weise zwischen den novellenartigenMärchen und den Schwänken. Solche Grenzfälle sind einige Teufels-märchen und einige von Dieben handelnde Märchen gewesen." Eshapert also an allen Ecken und Enden, und die Notwendigkeit leuchtetein, das eigentliche Märchen von dem uneigentlichen zu trennen,andererseits aber aufzuzeigen, wieso die Brüder Grimm dazugekommensind, so verschiedenartige Gebilde unter dem Namen Märchen zuvereinigen. Um diese Frage zu beantworten, wollen wir zu demzurückkehren, was sie selber zu den einzelnen Stücken ihrer Kinder-und Hausmärchen bemerken zu müssen geglaubt haben.

Diese Anmerkungen ich zitiere sie hier nach der zweiten Aus-gabe, wo sie zum ersten Male in einem besondern, dem dritten Bandevereinigt sind (1822) bringen jeweils den Fundort des Märchensund anschließend etwa vorliegende literarische Varianten, und dasgilt auch für die unmittelbar der Literatur entnommenen Stücke.Bei diesen sind es nun nur vier Märchen (n° n° 119, 144, 157 und 159),für die die Brüder Grimm keine volkstümliche Fassung anzugebenwissen; bei zwei andern, den Nummern 155 und 160, die ebenfallsganz am Schlüsse stehen das letzte Märchen trägt die Zahl 161,führen sie Parallelen aus dem Volksmunde an, und bei allen übrigenvierzehn, die noch aus der Literatur stammen, finden sich regelmäßigZusätze wie:ohne Zweifel aus mündlicher Überlieferung" (n° 12),Das Märchen lebt aber auch noch mündlich fort" (n° 23),DasMärchen dauert aber noch immer im Volk" (n° 35),Eine mündlicheErzählung aus den Schwalmgegenden weicht nur in wenigen ab"(n° 69),Das Märchen . . . wie wir es gleichfalls oft gehört" (n° 78),Die Prahlerei mit dem schönen Heller des Bräutigams haben wiröfters als einen Scherz erzählen hören" (n° 84),Älter und mehr legenden-mäßig bei . . . Thomas von Cantimpre, . . . , der das Märchen alsmündliche Überlieferung mitteilt" (n° 145),Das Gedicht (derRaparius) . . . mag ... im 14. Jahrhundert verfaßt worden sein,ohne Zweifel nach mündlicher Volkssage" (n° 146),Neigt sich zuden Volksscherzen" (n° 147),Ein uralter Grund bricht allenthalbendurch diese Fabel" (n° 148),doch kennen wir es auch nach einermündlichen Überlieferung aus den Paderbörnischen" (n° 149),scheint . . . ein altes Volksmärchen" (n° 150),Mündlich habenwir es auch gehört" (n° 151),Die Fabel vom Affen oder Schlau-raffenland . . . steigt ohne Zweifel in ein hohes Alter auf, da schondas gegenwärtige Märchen aus einem altdeutschen Gedicht des I3tenJahrhunderts herrührt" (n° 158).

Aus diesen Hinweisen und Beteuerungen darf geschlossen werden,daß die Brüder Grimm am liebsten nur Erzählungen aufgenommenhätten, die ihnen entweder alsAuffassungen" aus dem Volksmundezugingen oder die nach ihrer Überzeugung noch im Volksmunde fort-lebten oder hätten fortleben können; bis einschließlich des 143. Stücks für das 119. der jetzigen Zählung stand in der ersten Ausgabe nochein sogenanntes Volksmärchen aus der Schwalmgegend, also überdas Ende des siebenten Achtels ihres Buches hinaus; ist ihnen das