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Versuch einer Theorie des Märchens
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90 Bestimmung des Begriffes Märchen.

* Der Unterschied zwischen der Sage, die sich auf Wahnmotive stützt,und dem Märchen, das einen reinen Wunderglauben heischt, ist alsofür das Kind, das heißt für den Menschen, der jenen mathematischenPunkt noch nicht erreicht hat, nicht vorhanden; warum sollte esdann nicht auch unter den Erwachsenen, unter den Erwachsenennämlich, die Hans Naumannunsere Primitiven" nennt, die er aberin jene einschließt, von denen zu dem Unterschiede von den andernPrimitiven das Märchen den Glauben nur scherzender Weise ver-langt (142), welche geben, die auch in dieser Hinsicht noch primitiv,noch Kinder geblieben sind ? Diese werden, wenn sie sich an einemMärchen erfreuen wollen, die Kritik ihrer Vernunft nicht auszuschaltenbrauchen; sie werden nicht einmal-die Konzession zu machen haben,wie die ostpreußischen Erzähler, die die Möglichkeit erwägen, daßder Inhalt ihrer Märchen wahr sei (Lutz Mackensen, Z. f. deutscheBild., VI, 354 f.), sie sind eben in dem Besitze des lebendigen Märchen-glaubens, den man heute noch im Saarlande antrifft (ebendort).Solche Tatsachen, nämlich die Beobachtung anderer, denen unserRaisonnement fremd ist, entheben uns der Notwendigkeit, über dieWillkürlichkeit oder Unwillkürlichkeit des Glaubens an die Märchen-wirklichkeit weitere Spekulationen anzustellen, weitere Belege euro-päischer Einzelparallelen mit der allgemeinen morgenländischen Ein-stellung zu dem Wunderbaren, zu dem Märchen beizubringen; immerhinhaben wir diese Primitivität, die solcherart auch in der Heimat derKritik der reinen Vernunft Heimatrecht hat, bei einer Definition desBegriffes Märchen zu berücksichtigen, d. h., die Umschreibung diesesBegriffes hat unabhängig von dem Umstände zu erfolgen, ob derHörer oder sogar auch der Erzähler dem Märchen die Möglichkeit^ der Realität zuerkennt oder nicht.

In der Vorrede zu den Märchen des Mittelalters ist es war imJahre 1924 festgestellt worden,daß es bis heute noch nichtgelungen ist, einer Definition des Begriffes Märchen die allgemeineAnerkennung zu sichern." Seither haben zwar viele Forscher überdas Märchen gehandelt, haben viel Kluges über sein Wesen gesagt,aber eine wirkliche Definition, die deswegen noch nicht hätte richtigzu sein brauchen, haben nur wenige gewagt; gemeiniglich begnügtman sich noch immer mit der Begriffsbestimmung durch Ausschließen,die die Unterschiede zwischen dem Märchen und den äußerlich alsverwandt erscheinenden Erzählungsgattungen hervorhebt, wie es etwa1909 Adolf Thimme versucht hat (Das Märchen, iL):Das Märchenhat es weder mit der Religion" (zum Unterschiede von dem Mythos),noch mit einer bestimmt benannten Person, noch mit einembestimmten Orte" (zum Unterschiede von der Sage) zu tun . . .Während weiter die Sage das Wunderbare schwer und bedeutsam zuder wunderlosen, simpeln Jetztzeit in Gegensatz bringt, verschmilztdas Märchen das Wunder und das Alltagsleben mit leichter Anmutzu einer neuen Sphäre, und wundert sich über das Wunderbare garnicht, wie ein Kind das Natürliche und das Unbegreifliche für gleichnatürlich oder für gleich wunderbar hält ..." Prägnanter undüberdies mit Einfügung eines neuen Charakteristikums will A. vanGennep den Begriff fassen: für ihn ist das Märchen (La formation, 21 f.)