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Versuch einer Theorie des Märchens
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Kinder und Erwachsene. 8g

Heydenreich, damals noch Professor der Philosophie in Leipzig, herzu-setzen (21), die sich zwar auf den Gespensterglauben bezieht, aberwohl auch eine Anwendung auf Wundergeschichten schlechthin, alsoauch auf das Märchen zuläßt:Daß eine Gemeinschaft mit derGeisterwelt durch das Medium der Sinne unmöglich ist, begreift schonder gesunde Menschenverstand. Allein der Wunsch, daß sie möglichsein möchte, wirkt so mächtig in uns, daß unsere Phantasie mitWollust selbst bei den abenteuerlichsten Bildern verweilt, in deneneine solche Gemeinschaft gedichtet ist. Wir unterdrücken dann wohlabsichtlich unsere Einsichten und verbieten der Vernunft auf eineZeitlang die Kritik, um uns in unsern Schwärmereien das Unmöglicheals möglich vorzustellen." Ebenso schalten wir Erwachsenen, wennwir ein Märchen genießen wollen, die Kritik unserer gebildeten Ver-nunft auf diese Zeitlang aus; nicht nötig haben das unsere Kinder,und zwischen dem Kinde und dem Erwachsenen muß daher irgendwoder natürlich nur mathematisch zu denkende Punkt liegen, wo dieKritik einsetzen müßte. Wann aber tritt, um die Worte von KarlSpieß (Das deutsche Volksmärchen, 1917, 104) abzuwandeln, bei demKinde, das eigentlich für das Märchen der einzig geistesverwandte Iund verständnisvolle Zuhörer ist, der Augenblick ein, wo ihm zweifelhaft jwird, daß die Märchenwelt eine wirkliche Welt wäre, deren Tat-sächlichkeit uns ebenso feststünde wie die Wirklichkeit der Dinge,die wir mit unsern Sinnen wahrnehmen? Nun, jedenfalls beginntsich dieser Augenblick, dieser nur mathematisch zu denkende Punktzu nähern, wenn sich der Begriff des Wunders als eines Durchbruchsder Gesetzmäßigkeit, als einer Aufhebung der Naturgesetze, also alseines Unmöglichen zu bilden anfängt, und solange nicht die Erkenntnisvorhanden ist, daß die Naturgesetze Ausnahmen nicht oder nur scheinbarzulassen, kann das Märchen die geglaubte Realität behalten. MitAnlehnung an den Beginn der Vorrede zu den deutschen Sagen derBrüder Grimm (1816; 1891, VIII und VII) sagt Hans Naumann(Grundzüge der deutschen Volkskunde, 1929, 141):Daß die Sagendem Volke näher stehen als die Märchen, ersieht man aus beiderSchicksal: die Märchen gehören heute in die Kinderstube, aber anihre Sagen glauben unsere Primitiven heute noch. Auch daß die Sagerealistischer ist als das ,poetische' Märchen, hängt wahrscheinlichmit der größeren Primitivität zusammen." Wir sind ferne davon,den Einfluß der Realistik und der Anschaulichkeit, wie er sich in derGebundenheit an Ort, Zeit, historische Persönlichkeit äußert, zu unter-schätzen ; überschätzt aber darf er auch nicht werden. Wir wissennicht, ob Hans "Naumann ein Verwandter jenes Heinrich Naumannist, der als Knabe meinte, das Dornröschen, das Rotkäppchen, diesieben Zwerge, die Goldmarie lebten und seien in den Wäldern seinerHeimat zu finden (Bolte-Polfvka, IV, 93); jedenfalls aber billigtedieser Heinrich Naumann den Gestalten des Märchens dieselbe, aufdenselben Gründen, nämlich auf dem treuherzigen Glauben beruhendeRealität zu, wie andere, erwachsene Menschen den Helden der Sage*).

*) Man vergleiche zu Heinrich Naumanns Ausführungen das ein Jahrhundertfrüher geschriebene Vorwort Johann Gustav Büschings zu dem zweiten Bandeseiner Volks-Sagen, Märchen und Legenden, 1812, besonders XIII XV.