88 Das Ausschalten der Kritik.
Sonne verschlingt.*) Wir finden Heilige, denen man Wunderkräfte undinnige Gottverbundenheit zuschreibt, die aber in Trunkenheit und Un-moral leben und abgefeimter Betrügereien fähig sind. Für den Orien-talen muß etwas unglaublich sein, um bereitwilligen Glauben zu heischen."Diese Beobachtung hat Frazers Gewährsmann augenscheinlich im Pan-dschäb gemacht, aber es fällt ihm nicht ein, sie auf die Hindu zubeschränken; indem er von den Orientalen schlechthin spricht,schließt er natürlich auch die Mohammedaner ein, die ja im Fünf-strömeland mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Daßaber die Wundergläubigkeit bei ihnen ebenso absolut wäre, wie beiden Hindu, kann doch wohl nicht als unbestreitbar gelten. Diemonotheistische Religion, der sie anhangen, zwingt ihnen zwar denGlauben an die Ginn auf (s. die 72. Sure), vieles, was harte Anfor-derungen an die Vernunft stellt, ist ihnen durch persische und arabischeGeschichts- und Erdbeschreibungswerke als unzweifelhafte Tatsacheübermittelt worden, gewisse Zaubergeschichten nicht zu glauben,würde ihnen, wie wir gesehen haben, als Freigeisterei ausgelegt werden—, aber trotzdem wird man wohl das Richtige treffen, wenn mansagt, daß sie in Sachen der Wundergläubigkeit weit hinter den Indernzurückstehen; allerdings, bei der krassen Unwissenheit in allem, wasdie Axiome der Naturwissenschaft betrifft, wird der mohammedanischegemeine Mann dem Wunderglauben einigermaßen leichter zugänglichsein als sein europäischer Kamerad, d. h., um in den von uns gewähltenAusdrücken zu sprechen: Vieles, was wir, wenn es in einem MärchenMitteleuropas vorkommt, als Wundermotiv zu bezeichnen haben,werden wir in einer Erzählung aus Tausendundeiner Nacht als Wahn-motiv ansprechen müssen. Ähnlich mag es sich denn auch zum Teilebei den Völkern verhalten, die Gaster beispielsweise aufgezählt hat,und schließlich werden auch wir stolzen Vertreter einer alten Kulturoder Zivilisation zugeben müssen, daß auch unter uns noch Leutevorhanden sind, deren Wahn schier grenzenlos ist, für die es alsoschlechterdings keine Legende, keine Sage, kein Märchen gibt, sondernnur Geschichten oder Märlein, deren Handlung, wenn schon nichtimmer für wahr, so doch wenigstens für möglich gehalten wird.
Ein Versuch, diesen Wunderglauben der sogenannten Ungebildetenunter uns durch den unleugbaren Reiz zu erklären, den das Wunder-bare ausübt, wäre zum Mißlingen verurteilt; immerhin spielt aucher eine gewisse Rolle, und da sei es erlaubt, eine kurze Erörterungaus der 1798 erschienenen Philosophischen Entwicklung des Aber-glaubens und der damit verknüpften Schwärmerey von Karl Heinrich
*) Frazers Anonymus hätte sich unter andern auf den Arzt Franijois Bernierberufen können, der in dem Reiche des Großmoguls die Beobachtung gemachthat: In regard to astronomy, the Gentiles have their tables, according to whichthey foretell eclipses, not perhaps with the minute exactness of European astrono-mers, but still with great accuracy. They reason, howewer, in the same ridiculousway on the lunar as on the solar eclipse, believing that the obscuration is causedby a black, filthy, and mischievous Deüta, named Räch, who takes possessionof the moon and fills her with infection (Travels in the Mogul Empire A. D. 1656—1668, 1891, 339); vgl. weiter die Schilderung der Sonnenfinsternis von 1666ebendort, 301 und bei Tavernier, zit. Ausg., IV, 163 (Bernier hat sie in Dehliim Pandschäb, Tavernier in Patma in Bengalen beobachtet).