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Versuch einer Theorie des Märchens
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Indien kennt das Märchen nicht. 87

tritt der religiöse Charakter des Märchens hervor. Im Westen durftenvon den übernatürlichen Wesen nur einige bleiben; diese werdengerade noch geduldet und warten auf ihre Verabschiedung. IhreUmwelt ist verschwunden, und in unsern Märchen treffen wir nurnoch Wesen an, die in rohen Glaubensformen noch nicht ausgestorbensind. Die Volksmythologie der Südslawen oder Albaner oder Griechenoder Rumänen ist viel reicher als die irgendeines westlichen Volkes,und darum sind ihre Märchen voller, reicher, lebendiger und, fürmich, der ursprünglichen Form näher als irgendeines der blassenGegenstücke in westlicher Überlieferung." Hat hier Gaster Recht,und er hat Recht, dann muß die Gläubigkeit an die Wahrheit undWirklichkeit dessen, was wir Märchen nennen, am größten in demLande sein, das von allen, die für uns als Heimat unserer Märchenin Betracht kommen, am weitesten östlich liegt, nämlich in Indien.Hören wir also einen Gelehrten, der berufen ist, über diese Frage zusprechen, nämlich Joh. Hertel; dieser sagt in der Einleitung zu seinenIndischen Märchen (1918):

Die Inder können weder Tiererzählungen, noch Märchen alsbesondere Gattungen empfinden, wie sie andererseits keine wirklicheGeschichte als Wissenschaft entwickelt haben; für die Hindu ver-schwimmen Geschichte und Märchen, Wirklichkeit und Dichtungvöllig ineinander . . . Was wir als Märchen oder Legende oder Sagebetrachten, hat in den Augen des Inders, der an alle die Wunderwesenund Wunderdinge glaubt, die in ihnen vorkommen und nach seinerÜberzeugung ihn täglich und stündlich umgeben und sein Lebenbeeinflussen, denselben Wert wie für uns die Geschichte (= Historie)oder der realistische Roman." Aus diesen Tatsachen ergibt sich dasanscheinende Paradoxon:

Indien, das Märchenland, kennt das Märchen nicht.

Für uns aber ist das kein Paradoxon: das Gegenteil wäreeines. Denn wir haben erkannt, daß das Märchen das Kind desMythos ist, gezeugt aber erst von dem sterbenden oder dem gestor-benen Mythos, der ihm seine Wunder vererbt, und dem Inder sinddie Mythen einer mehrtausendjährigen Vergangenheit noch immerlebendig.

Für Leute freilich wie Rabindranath Tagore und überhaupt fürdie dünne Schicht europäisch gebildeter Hindu wird kein Mythosdes Mahäbhärata' anders lebendig sein, als für uns die griechischenMythen oder die der Edda, und diese Inder huldigen sicherlich auchsonst nicht dem unbedenklichen Wunderglauben ihrer Landsleute;immerhin scheint dieser auch noch heutezutage sogar mit wissenschaft-licher Tätigkeit vereinbar zu sein. J. G. Frazer zitiert gelegentlich(The Golden Bough 3 , V, 4) die Äußerungen eines Mannes, der langein dem Osten gelebt hat und ihn gut kennt:Der Verstand desOrientalen ist frei von den Hemmungen der Logik; es ist buchstäblichwahr, daß der orientalische Verstand zwei einander entgegengesetzteDinge gleichzeitig glauben kann . . . Wir finden Astronomen, welcheFinsternisse vorauszusagen verstehen und gleichwohl glauben, daßdiese Finsternisse von einem Drachen verursacht werden, der die