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Versuch einer Theorie des Märchens
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86 Die Wirklichkeit des Märchens.

es ihm geschenkt; der König schickt einen Boten hin, und siehe, dasHaupt des Standbilds ist noch immer geneigt. Was würde nun zudieser Erzählung einer jener Europäer sagen, der noch an die Existenzvon Zauberern und Hexen und damit ihres Patrons glaubt? Wahr-scheinlich, daß mit diesem Götzenbilde der Teufel sein Spiel getriebenhabe, der noch ganz andere Dinge zu tun imstande sei, wenn es seineTäuschungsabsichten verlangten. Derselbe Mensch glaubt aber bedin-gungslos, daß die hl. Kümmernis oder eine wirkliche Heilige einemGeiger zuerst den einen Schuh und dann, um ihn von dem Verdachtedes Diebstahls zu reinigen, auch noch den zweiten geschenkt habe.Andere Leute freilich bekennen sich zu dem Standpunkt des AltenFritz: als der, wie die Erlanger Realzeitung vom 30. Jänner 1784berichtet hat, das Todesurteil eines Soldaten bestätigen sollte, der auseiner Kirche silberne Votivherzen gestohlen, aber in seiner Verteidigungbehauptet hatte, die hl. Maria habe sie ihm in sein Quartier gebracht,befragte er katholische Theologen, ob ihr Glaube einen solchen Fallausschließe; da sie diese Frage nicht mit absoluter Sicherheit bejahenkonnten, sprach er den Soldaten los, verbot ihm aber allerdings beiLebensstrafe, künftighin von irgendeinem Heiligen Geschenke anzu-nehmen (A. Wesselski, Erlesenes, 64 t.).

Der Preußenkönig hätte, wenn die Geschichte wahr wäre, alsRationalist gehandelt, für den es keinen Wunderglauben gibt; weraber die Kümmernis-Legende oder das Fröschewunder des unheiligenPaters Hahn oder des hl. Guilelmus Firmatus dieser hat Eier inFrösche verwandelt (Acta Sanctorum, 24. April, 337) oder desisigen Manndle" bei Grimm, n° 165 für lautere Wahrheit hält, stehtgeradeso wie der Inder, der das Fröschewunder des brahmanischenBastards oder die singhalesische Buddhalegende glaubt, in dem Bannevon Vorstellungen oder Meinungen, die wir als religiös bezeichnendürften, auch wenn das Wunder nicht ein Charakteristikum desMythos wäre.

So glauben denn auch die Märchenerzähler jenes Teils des euro-päischen Ostens, der den Wunderländern des Orients am nächstenliegt, durchaus an die Realität dessen, was sie Kindern und Erwachsenenberichten. Moses Gaster, der in Rumänien geboren ist und dort seineJugend verbracht hat, erinnert sich (Folk-Lore, VII, 218 f.), wie dasrumänische Kindermädchen, die wallachische Magd, der mit Zucker-werk handelnde Albaner, der bäuerliche Geflügelhändler, der aus demHeiligen Lande zurückkehrende Pilger, der Hausierer, der Zigeuner,allesamt Märchenerzähler, durch Ein Band geeinigt waren: durchden Glauben an die Wirklichkeit des Märchens; und er fährt fort:Dieser religiöse Glaube ich nehme diesen Ausdruck in demweitesten Sinne ist eines der wichtigsten Momente in der Geschichtedes Ursprungs und der Verbreitung der Märchen, und dies ist bishervon den Märchenforschern systematisch vernachlässigt worden. Umden Grund zu suchen, brauchen wir nicht weit zu gehen: Dieeuropäischen Volksmärchen und besonders die der modernen Samm-lungen haben das religiöse Element wenn nicht ganz, so doch zumgrößten Teile eingebüßt; je weiter wir ostwärts gehen, desto mehr