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Versuch einer Theorie des Märchens
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und in Europa. 85

Zu der Zeit, wo Pater Dubois diese Erzählung niederschrieb,nämlich 1825, ist in Platten im böhmischen Erzgebirge der PaterHahn gestorben, und von diesem wird erzählt, er habe einmal inBärringen bei einem Feste in der Küche der Pfarrei das Fleisch ineinem Topfe in Frösche verwandelt. Die Köchin habe den Topfhinauswerfen wollen, aber das habe Hahn nicht zugelassen, sondernsie ihn wieder zustellen heißen, es werde schon alles in Ordnungkommen, und so war es auch. Wir verzichten, auch noch eine andereErzählung von Pater Hahn zu geben, die das Motiv des Rückwärts-zaubers enthält*), sondern stellen nur mit dem Herausgeber der vonihm überlieferten Schnurren (Dr. Joh. Endt, Sagen und Schwankeaus dem Erzgebirge, 1909) fest, daß nicht nur das gemeine Volk,sondern auch seine Amtsgenossen überzeugt waren, er verstehe sichauf die schwarze Kunst, so daß Stückchen, wie das von den Fröschen,allgemein geglaubt wurden; ebenso schließt Dubois seinen Berichtüber das Fröschewunder mit der Behauptung, bei den Hindu findedieser trotz seiner Extravaganz allgemeinen Glauben. Daß es heute-zutage in Indien in dieser Hinsicht erheblich anders geworden wäre,wird niemand annehmen können, zumal da selbst in Mitteleuropanoch keine ernstliche Wendung zum Bessern verzeichnet werden kann;das beweisen die immer wiederkehrenden Zeitungsberichte über moderneHexenprozesse, über Gerichtsverhandlungen nämlich, in denen dieKläger Schutz gegen die Beschuldigung der Zauberei oder der Hexereisuchen: der mir bekannte letzte Fall hat sich 1922 in Appenzellzugetragen, wo ein Bauer, der einen andern bezichtigt hatte, ihmeine ganze Schweineherde durch Hexerei zugrundegerichtet zu haben,zu einer Strafe von 200 Franken verurteilt worden ist**). Versuchenwir einmal den Gründen dieser willigen Wahngläubigkeit hier unddort nachzugehen.

Der Chinese Jüan Tschwang (Hiuen Tsiang), der von 629 bis645 Indien bereist hat, erzählt in der Beschreibung dieser seiner Reise,und zwar bei der Schilderung der Königsstadt Ceylons folgendenmerkwürdigen Vorfall (Si-yu-ki, transl. by S. Beal, II, 249): EinRäuber wollte die Kopfzier einer Buddha-Statue, ein kostbares Juwel,stehlen; als er jedoch danach griff, reckte sich das Standbild, so daßer nicht hinlangen konnte. Da stellte er seufzend fest, daß die Statuenicht so handle, wie es sich nach den Gelübden, die der Buddha nochals Bodhisattva abgelegt hatte, gebühren würde, und daraufhin ließsie sich das Juwel nehmen. Bei dem Versuche, dieses zu verkaufen,verhaftet und vor den König geführt, behauptet er, der Buddha habe

*) Siehe Paul Drechsler, Mitt. d. Schles. Ges. f. Volksk., Bd. IV, Heft 7,45 f.; weiter Somadeva-Tawney, II, 221, R. Paret, Früharabische Liebes-geschichten, 1927, 65, W. Mannhardt, Feld- und Waldkulte, I, 129, A. de Braz,La ldgende de la Mort 4 , 1928, I, 185, A. de Cock, Studien en Essays (1919),Index, vo. Rugwaarts, C. Seyfarth, Aberglaube und Zauberei in d. VolksmedizinSachsens, 1913, 164 f. usw. usw.

**) Arbeiter-Zeitung (Wien) vom 26. April 1922; vgl. weiter Seyfarth, 32 t.Noch im Dezember 1930 hat man einer Hexe in Kleinfredenbach in Hannoverdas Haus angezündet, um ihr einen Denkzettel zu geben und ihre Hexenbücherzu verbrennen, weil sie das Vieh verhexe (N. Fr. Pr. vom 25. März 1931).