Der Glaube an die Tatsächlichkeit des Erzählten. 83
allgemein zumindest den Charakter von Legenden. Als solche werdensie wohl auch von den andern orientalischen Völkern aufgefaßt wordensein, denen einige Varianten schon früh durch die Paficatantra-Über-setzungen vermittelt worden sind, und was man dann in Europa hatkennen lernen, darf hier zwar heute, nicht aber auch für die Zeit deraltern Darstellungen mit dem Namen Märchen bezeichnet werden.Der englische Benediktiner Matthaeus Paris wenigstens (f 1259) beginntdie Geschichte von dem Venezianer Vitalis, der zusammen mit einemLöwen und einer Schlange von einem Köhler, Sylvanus mit Namen,aus einer Tiergrube gezogen wird, diesen aber später in Ketten legenlassen will usw., mit den Worten Tunc vero temporis (1195) contigit,und zum Schlüsse heißt es: Haec referebat Rex Richardus munificus(Löwenherz), ingratos redarguendo (Historia major, 1640, 179 f.);aber noch der Bamberger Kanonikus und Pfarrer Friedrich Forneroder Förner erzählt die Geschichte (in der 71. Predigt seines RexHebronensis, 1630, 509 f.) nach dem Text des englischen Mönches,ohne einen Zweifel an ihre Wahrheit zu äußern, dasselbe tut der JesuitBenignus Kybler, Wunder-Spiegl, München, 1678, (I), 265 und, mitWeglassung des gewiß nicht märchenhaften Motivs von dem undank-baren Menschen, der Pfarrer Andreas Strobl, Ovum paschale, I 2 ,1700, 227 f.
Vielleicht noch mehr literarische Zwischenglieder bestehen zwischenden Märchen von dem Manne, der die Tiersprache verstand (Bolte-Polivka, I, 132 n. und A. Aarne, FF Comm., n° 15), und den indischenVorerzählungen. Die buddhistischen Fassungen, weiter die desRämäyana, des Harivamsa usw. waren sicher einmal Geschichten,an deren Wahrheit kein Inder gezweifelt hat. Nun wird in einerhebräischen Bearbeitung einer arabischen Sammlung von Buddha-Legenden als Spender der Fähigkeit, die Tiersprache zu verstehen,Salomo eingeführt (N. Weißlovits, Prinz und Derwisch, 1890, 117),dieser hat dieselbe Funktion auch in dem zu Anfang des vorigen Jahr-hunderts geschriebenen Nafhat al-jaman von as-Sirwänl (transl. byD. C. Phillott, 1907, 167), und geradezu der Held ist er in einer beiden Suaheli aufgezeichneten Erzählung (C. Meinhof, AfrikanischeMärchen, 1921, 51); von dieser darf man sicherlich annehmen, daß sie inihrer ostafrikanischen Heimat Glauben verlangt und auch findet, unddas wird wohl heute noch zumindest mit dem arabischen Texte zu-treffen und vor vielleicht nicht allzulanger Zeit mit dem hebräischender Fall gewesen sein. Wäre weiter die Erzählung auch in die griechischeLegende von Barlaam und Josaphat übergegangen — Josaphat ist derBodhisattva, der künftige Buddha ■—, so würde sie, da aus diesen bei-den christliche Heilige geworden sind, auch von manchen frommenKatholiken heute noch für Wahrheit genommen werden. Und ist dieabessinische Erzählung (Revue des trad. pop., XXVI, 158 t.), woSalomos Stelle durch den Teufel vertreten wird, eine Geschichte, eineLegende oder ein Märchen ? Und obwohl die Fassung bei F. Asmusund 0. Knoop, Sagen und Erzählungen aus dem Kreise Kolberg-Körlin, 1898, 67 als ein Märchen gelten will, ist doch die Frageberechtigt, ob sie an Ort und Stelle auch schon vor zwei oder dreiJahrhunderten als solches betrachtet worden wäre.
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