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Versuch einer Theorie des Märchens
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Der Schluß aus der Tendenz des Märchens. 8l

In einem im südlichen Teil des Atlas von J. Riviere aufgezeichnetenMärchen (Recueil de contes populaires de la Kabylie du Djurdura,1882, 215 f.) verlöscht die Katze das Feuer, weil das Mädchen eineBohne ißt, die sie selber gern gegessen hätte, dasselbe geschieht ineinem der Märchen (und Gedichte) aus der Stadt Tripolis von HansStumme (1898, 81 f., n° 2), wo das Mädchen vorher versprochen hat,von allem, was sie essen werde, die Hälfte der Katze zu geben, undebenso erzählt die 7. der Fiabe, die A. de Nino in den Abruzzen ge-sammelt hat (Usi e costumi abruzzesi, III, 1883), nur ist es anstatteiner Bohne eine dürre Feige; die ganze Motiv Verbindung aber findetsich schon bei Basile (iorn. IV, tratt. 8), wo es eine Haselnuß ist, diedas Mädchen allein verzehrt, und auch wenn man nicht wüßte, welchUngeheuern Einfluß der Cunto de li cunti auf die Länder um dasMittelmeer geübt hat und übt, wäre es das natürlichste, die erwähntenMärchen und andere ähnliche*) auf die Fassung des Neapolitanerszurückzuführen. Nun zitiert Cosquin auch zwei Märchen aus Ceylon,in denen die Katze das Feuer verlöscht, weil sie weniger als sonst odergar nichts zu essen bekommen hat**), und das 6. Märchen in M. Frere'sOld Deccan Days 2 , 1870, 79 f., wo der Grund für die Rache der Katzeist, daß sie gezüchtigt worden ist. Frere hat sein Märchen einer ausdem Süden des Landes stammenden Inderin nachgeschrieben, die esals Kind von ihrer schon christlichen Großmutter gehört haben will, wasum das Jahr 1830 gewesen sein muß, und die singhalesischen Mäixhen,die sich übrigens in dem in Rede stehenden Zuge trotz der Verviel-fachung der zu betreuenden Tiere mehr als das von Frere aufgezeichneteden italienischen und nordafrikanischen Märchen nähern, sind nochviel jünger. So gibt denn auch Cosquin keinen Grund an für seineBehauptung, die singhalesischen Formen seien certainement tout aussiindiennes d'origine que celle du Dekkan (1. c, 177), keinen Grundauch für die weitere Behauptung, ein Märchen, das in seinen Haupt-zuge fast identisch sei mit den aus dem Dekan (soll heißen: aus Süd-indien),.sei nach Tripolis gelangt, charrie par le courant indo-persano-arabe (178). Leider erfahren wir von Cosquin nichts über das persische

*) Z. B.: P. Sebillot, Contes populaires de la Haute-Bretagne, 1880 f.,II, 158 f., n° 27 bis, wo die Katze durch einen Hund ersetzt ist, Revue destraditions populaires, XVII, 616 und XXIII, 236 f., wo das boshafte Tier fehlt,aber auf das Feuer geachtet werden muß, weil es in diesem Lande keine Zünd-hölzchen gibt, oder J. Br. Andrews, Contes ligures, 1892, 302 f., n° 62, wo dasFeuer nicht ausgehen darf, damit man sich nicht an eine Nachbarin zu wendenbrauche; einen Anklang in dieser Beziehung möchte ich auch in dem 46. vonOtto Sutermeisters Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz (1869, 941.:s' Einzig Töchterli) erblicken, das ebenso wie die andern zu Grimm, n° 9 zustellen ist.

**) Das eine ist die 12. von H. Parker's Village Folk-Tales of Ceylon, I,120 f., und zu dieser sind (124128) drei Varianten angeführt; hat schon inder Haupterzählung das Mädchen den Befehl erhalten, nicht nur für eine Katze,sondern auch für einen Papagei und einen Hund zu sorgen, ohne daß sich übrigensauch diese zwei Tiere wegen der Vernachlässigung rächen würden, so sind esin der letzten Variante gar der Hahn, der Hund, die Katze, der Papagei, dieKrähe, die Ratte unddie andern Geschöpfe", aber gewarnt wird das Mädchennur vor der Ratte, die, wenn sie weniger als die andern zu essen bekäme, dasFeuer auslöschen würde, und das trifft denn auch tatsächlich ein.

G Prager Deutsche Studion, Heft 45.