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Versuch einer Theorie des Märchens
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80 Der Schluß aus der Tendenz des Märchens.

ansonsten aber besser zu dem 24. gestellt wird*), zu bekennenhaben, daß für einen indischen Ursprung keine Gründe von absoluterBeweiskraft sprechen.

Benfey und viele seiner Anhänger haben diesen Ursprung auchdort schon als wahrscheinlich angesehen, wo sie eine junge indischeErzählung fanden, die dem von ihnen untersuchten europäischenMärchen in den Hauptpunkten entsprach, als ob es unmöglich wäre,daß auch Indien Erzählungsgut eingeführt hätte, und derlei Schlüssehaben sich, wenn sie nicht von neuen Tatsachen gestützt wurden,gemeiniglich als hinfällig erwiesen. Noch gefährlicher aber ist, wasvor allen Emm. Cosquin versucht hat, nämlich den indischen Ursprungeines Märchens aus seiner angeblichen Hauptidee, seiner angeblichenTendenz zu erweisen. Für den französischen Gelehrten war es z. B.ausgemacht, daßdem Glauben an die Seelenwanderung, der in Indiennicht als vage Vorstellung, sondern in bestimmter Form erscheint,unter anderm auch der Gedanke entstammt, die Tiere, diese einerharten Prüfung unterworfenen unglücklichen Brüder, seien besser alsder Mensch; sie seien dankbar, der Mensch undankbar." Diese-durchaus indische Idee von der Dankbarkeit der Tiere im Gegen-satze zu der Undankbarkeit der Menschen" fand nun Cosquin auchin denvollständigen" Formen des Märchens von dem GestiefeltenKater wieder, wo zum Schlüsse der Mensch dem Kater oder demFuchs oder dem Schakal usw., kurz dem Tiere, dem er sein ganzesGlück verdankt, die schnödeste Undankbarkeit erzeigt, und er gabder Zuversicht Ausdruck, daß man auch in Indien eines Tages solchevollständige Fassungen entdecken werde. Aber auch ohne das ver-steifte er sich auf die These:Die Idee, auf der die vollständigen Formendes Gestiefelten Katers beruhen, ist durchaus indisch, das ist unbe-streitbar, und hier ist für alle Märchen dieser Gruppe, für die unvoll-ständigen selbstverständlich ebenso wie für die andern, ein Zeichenhres Ursprungs" (Etudes folkloriques, 2225). Nun, seit dem Jahre1894, wo Cosquin diese Behauptung aufgestellt hat, ist, soweit unsbekannt, keine indische Version aufgezeichnet worden, die seineHoffnung erfüllt hätte, aber fände man ihrer auch ein Dutzend, sowürden sie in seinem Sinne nichts beweisen; entscheidend zu seinenGunsten wäre nur, wenn es gelänge, die Spur des Gestiefelten Katersin der indischen Literatur etwa vor 1500, jedenfalls aber vor demMärchen Straparolas nachzuweisen.

Aber mehr noch: Cosquin ist auch mit seinen eigenen Waffenleicht zu schlagen, wobei allerdings, weil es sich nicht um so bekannteDinge handelt wie bei dem Gestiefelten Kater, eine größere Ausführ-lichkeit nötig ist. In zahlreichen Märchen, die er an anderer Stelleanführt und zum Teile auszieht (Les contes indiens et l'occident,175195), behandelt ein allein zu Hause gelassenes Mädchen dieKatze nicht so, wie sie tun sollte, die Katze verlöscht ihr darob dasFeuer, und sie gerät, als siö Feuer holen will, in schwere Gefahren.

*) Das tut auch P. Kretschmer, Neugriechische Märchen, 1917, 338 zu n° 52;zu den dortigen Nachweisungen und denen bei Bolte-Polivka, I, 107 f. siehenoch W. R. Halliday bei Dawkins, 255 und G. A. Megas, Paramythia, 1927, 63 f