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Versuch einer Theorie des Märchens
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78 Unsichere Zusammenhänge.

dem deutschen Märchen außer der Bitte des Mädchens an ihren Vater,wieder zu heiraten, ihre lieblose Behandlung durch die neue Stief-mutter, ihre Begabung mit einem wunderbaren Vorzug, ihre Heiratmit dem König, ihre Ertränkung durch die Stiefmutter samt der Sub-stituierung der Stiefschwester, der dreimalige nächtliche Besuch beidem Kinde und die Wiedervereinigung des Paars. Das Schema istalso bei dem Grimmschen Märchen und bei dem indischen durchausdasselbe und der Zusammenhang unleugbar; das heißt: das 13. Märchender Brüder Grimm ist indischen Ursprungs, und wer das nicht geltenlassen wollte, der hätte den Gegenbeweis zu führen.

Damit soll aber nicht auch gesagt werden, daß das GrimmscheMärchen keinerlei einheimisches Motivgut enthielte. Schon die dreiMännlein im Walde, die den indischen Näga ersetzen, sind Europäer,und europäisch ist sicher auch der in der indischen Erzählung einesGegenstücks entbehrende Zug, daß die Stieftochter mitten im Winterum Erdbeeren geschickt wird. Dieser Zug findet sich nun besondershäufig in slawischen Märchen; dort sind es aber anstatt der drei Hauler-männchen, die die Gabe gewähren, meist die zwölf Monate, und stetserscheint auch die böse Halbschwester, um ihre Strafe zu empfangen,mit ihr somit jenes Motiv, das dem eben untersuchten Märchen eigent-lich fremd ist, wie denn auch all diese slawischen Märchen mit dieserEpisode schließen, also zu der Erzählung des Kathäkosa keine Parallelebieten und darum eine eigene Untersuchung verlangen. Ganz fürsich wieder steht die Fassung Basiles (iorn. V, tratt. 2), wo es sichum zwei Brüder handelt, einen reichen, aber bösen und einen armen,aber guten. Zuerst trifft der gute die zwölf Monate, die sich in einemWirtshaus wärmen; er lobt sie alle, auch den März trotz der schlechtenWitterung, die er bringt, und der März beschenkt ihn mit einemKästchen, das jeden Wunsch erfüllt. Der böse Bruder, der dem gutennachahmen will, tadelt den März, dieser begabt ihn mit einem Knüppel,und von diesem erhält er, als er seine Wunderkraft erproben will,eine Tracht Prügel. Augenscheinlich nach Basile erzählt 1808 MicheleSomma (Cento racconti, 3a ed., 1822, 304 f., racc. 130).

Mit dieser Erzählung vergleiche man eine des Kathäratnäkarades Jaina-Mönchs Hemavijaya, die folgenden Inhalt hat (HertelsÜbersetzung, 1920, II, 129 f.): Die kalte und die heiße Jahreszeitund die Regenzeit begeben sich, um einen unter ihnen über den Vor-rang ausgebrochenen Streit entscheiden zu lassen, zu einer alten Frau;diese fällt das Urteil: ,,Ihr seid alle drei in gleicher Weise der Ehreund der Huldigung würdig, und gleich ist euere Herrlichkeit", undzur Belohnung empfängt sie einen Wunschtopf. Eine andere Frauwill es ihr nachtun, die Jahreszeiten haben sich auch wirklich wiedergestritten und kommen zu ihr, aber sie, der bitteres Reden angeborenist, sagt ihnen Grobheiten, dafür erhält sie einen Unglückstopf, undder verprügelt sie so, daß sie davon stirbt und zur Hölle fährt.

Der Kathäratnäkara (zu deutsch: Geschichtenmeer) ist im Jahre1600 geschrieben, und in Anbetracht der Tatsache, daß sein Verfasserwohl in keinem einzigen Falle der Erfinder seiner Erzählungen gewesenist, sondern nur alte Vorlagen bearbeitet hat, könnte man sich ver-