Sichere Zusammenhänge. 77
seinerzeit geschenkt hat, und verbannt ihn samt seinem Weibe ausdem Reiche. Fortan leben König und Königin glücklich in ihrer wechsel-seitigen Liebe. — Es folgt dann noch, aus dem Munde eines Jaina-Heiligen, die Geschichte der Königin und des Schlangengotts in derenfrüherm Leben, die zwar das Geschenk des Gartens, keineswegs aberauch einige nebensächliche Züge erklärt, die wir erst gar nicht ange-führt haben. Hier ist also die Erzählung verdorben, und ebenso er-scheint es einigermaßen unwahrscheinlich, daß die Stiefmutter derHeldin ihre Tochter erst zur Welt bringt, als die Stieftochter schonverheiratet ist; auch wenn sich also der Kathäkosa, über dessenDatierung die Literaturgeschichten schweigen, bei dessen Übertragungaber Tawney eine spätestens noch aus dem späten siebzehnten Jahr-hundert stammende Handschrift benützt hat, nicht von Haus ausals eine Sammlung älterer Erzählungen darstellte, dürften wir zu-mindest für diese eine ältere Form erschließen, die in den angezogenenPunkten einwandfrei gewesen sein wird.
Bevor wir das indische Märlein mit dem Grimmschen Märchenvergleichen, haben wir festzustellen, daß dieses ursprünglich nichtso erzählt worden ist, wie wir es heute kennen, sondern daß es beson-ders zwischen der ersten und der zweiten Auflage einige Veränderungenerfahren hat. So kennt die Fassung, die 1812, 43 f. gedruckt ist, denZug, daß es die eigene Tochter ist, die den Witwer auf das Betreibeneiner Witwe veranlaßt, diese, die ebenfalls eine Tochter hat, zu heiraten,noch nicht, sondern die Heirat kommt ohne ihre Mitwirkung zustande;dieser Zug*) ist erst in der zweiten Auflage eingefügt worden, so daßdie Variante, aus der er stammt — wir kennen sie leider nicht —der Fassung des Kathäkosa näher stand als die von Dortchen Wilderzählte. In dieser findet weiter die Heirat der guten und schönenTochter mit dem König statt, ohne daß vorher schon auch die böseund häßliche Tochter ihren Besuch bei den Männlein gemacht hätte,sondern die Böse und Häßliche geht erst nach der Hochzeit ihrerStiefschwester hin, und es fehlt auch noch unter den Flüchen der,daß ihr bei jedem Worte eine Kröte aus dem Munde springen soll,den Wilhelm Grimm aus einer dritten Variante übernommen hat.Aus dem Unterschiede zwischen der Erzählung Dortchen Wilds undden spätem Varianten in der zeitlichen Einfügung des Motivs dermißglückten Nachahmung läßt sich vielleicht schließen, daß diesesin der Darstellung, auf die letzten Endes alle drei zurückgehen, nochnicht vorhanden gewesen, sondern erst unter dem Einflüsse von Märchen,wie das von der Frau Holle, hineingekommen ist; berücksichtigt manweiter, daß die Täuschung des Königs umso schwieriger werden muß,je häßlicher und abscheulicher die ihm als Stellvertreterin seiner wunder-schönen Frau Unterschobene ist, so erkennt man, daß die ganze Episodein diesem Märchen nicht nur überflüssig, sondern sogar fehl am Orteist, daß also das Märlein des Kathäkosa in diesem Teile eine ursprüng-lichere Gestaltung aufweist. Gemeinsam sind ansonsten diesem und
*) Er kommt schon bei Basile, iorn. I, tratt. 6 vor, weiter in den meistenitalienischen Varianten des Märchens vom Aschenbrödel (Bolte-Polivka, I, 186 f.),aber auch in andern Erzählungen, auf die wir hier nicht eingehen wollen.