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Versuch einer Theorie des Märchens
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Sichere Zusammenhänge. 75

aber künstlichen Erzählung gezweifelt werden. Freilich, auch beisolchen Erörterungen und Feststellungen kann nicht mit Beweis-mitteln von absoluter Durchschlagskraft gearbeitet werden, aber daAndrew Lang, der Vater des Gedankens von der Polygenesis derMärchen, bei dem Gestiefelten Kater zugeben muß,daß die Ideedieses Märchens von einem jungen Manne, der durch die Hilfe einesfreiwerbenden klugen Tiers aus Armut zu dem Throne gelangt, nurein- für allemal erfunden worden sein kann" (Perrault's Populär Tales,LXX), so werden wir wohl das Richtige treffen, indem wir sagen,daß bei einem gewissen Grade der Übereinstimmung nicht der Beweis,daß ein Märchen von dem andern abhängt, geführt zu werden braucht,sondern daß die Last des Beweises dem zufällt, der den Zusammen-hang leugnet. Ein Beispiel:

Der Inhalt des 13. Märchens der Brüder Grimm, betitelt Diedrei Männlein im Walde ist heute so: Ein Mädchen redet, bewogendurch Versprechungen der Mutter eines andern Mädchens, ihrem ver-witweten Vater zu, diese Frau zu heiraten, aber dann wird sie vonihr elend behandelt. Als sie nun einmal mitten ini Winter in einemPapierkleide in den Wald gehen muß, um Erdbeeren zu pflücken,kommt sie zu einem Häuschen mit drei Haulermännchen, und mitdiesen teilt sie ihr Stückchen harten Brots, kehrt ihnen auch denSchnee vor der Tür weg; dafür erhält sie als Geschenk, daß sie jedenTag schöner wird, daß ihr, sooft sie ein Wort spricht, Goldstücke ausdem Munde fallen und daß sie ein König heiraten soll. Als die Stief-schwester das Wunder der Goldstücke sieht, gibt sie nicht nach, bisauch sie in den Wald zu den Haulermännchen gehen darf; sie aberteilt ihr Butterbrot und ihren Kuchen nicht mit ihnen, kehrt auchnicht für sie, und demgemäß sind die Geschenke, daß sie jeden Taghäßlicher wird, daß ihr bei jedem Worte, das sie spricht, eine Kröteaus dem Munde springt und daß sie eines unseligen Todes sterbensoll. Natürlich hat es das gute Mädchen nun erst recht schlecht zuHause; als sie aber einmal auf Geheiß der Stiefmutter in dem gefrorenenFlusse ein Loch ins Eis schlägt, kommt der König dahergefahren,und er nimmt sie mit auf sein Schloß und vermählt sich ihr.Nach einem Jahre gebiert sie ihm ein Söhnchen, und nun kommtdie Stiefmutter mit ihrer Tochter wie zu einem Besuche zu ihr; inAbwesenheit des Königs aber werfen die zwei die Königin in denvorbeifließenden Strom, und die häßliche Tochter legt sich an ihrerStatt ins Bett. Der König denkt zuerst nichts Böses, und daß derWöchnerin anstatt der Goldstücke Kröten aus dem Munde springen,erklärt die Mutter mit dem starken Schweiß. In der Nacht kommtdann durch die Gosse eine Ente geschwommen, fragt den Küchen-jungen um den König, die Gäste, das Kindlein, geht, nun in derGestalt der Königin, zu ihrem Kinde, reicht ihm die Brust undschüttelt ihm das Bettchen und schwimmt als Ente ab. Das wiederholtsich in der nächsten Nacht, in der dritten aber befiehlt sie demKüchenjungen, den König zu holen und ihm zu sagen, er solle seinSchwert dreimal auf der Schwelle über sie schwingen; der König tutes, und sie steht vor ihm, frisch und gesund, wie vorher. Hinrichtungder Stiefmutter und der Stiefschwester.