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Versuch einer Theorie des Märchens
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74 D 'e Theorien Benfeys.

vielen Stellen des zentrifugalen Kreises der Wahnmotive die TheorieLängs und seiner Schule versagt.

Mit dieser Theorie einer Polygenesis, die ja zuerst nicht auf dasbeschränkt war, was man bisher gemeiniglich Märchenmotive nannte,sondern auch für die Märchen als Motivanhäufung oder -Verbindunggelten sollte, hat Andrew Lang nicht so sehr die Brüder Grimmtreffen wollen, die ihm ja vorgearbeitet hatten*), wie ihren größtenWidersacher Theodor Benfey, der, entgegen ihrer Theorie des Ur-sprungs der Märchen aus der ursprünglich gemeinsamen indoger-manischen Mythenwelt, für eine große Zahl von Märchen undErzählungen Indien als Heimat angesehen wissen wollte, von wo siesich teils auf literarischem Wege, teils durch mündliche Überlieferungsowohl nach China und Tibet und zu den Mongolen, als auch nachEuropa verbreitet hätten. Das sagte Benfey in der Einleitung zuseiner Übersetzung des Pantschatantra (1859), und ebendort verspracher auch, seine Arbeit in dieser Richtung durch Herausgabe undBearbeitungder übrigen indischen Erzählungssammlungen" fort-zusetzen; dieses Versprechen hat er zwar nicht gehalten, immerhinaber zu dem weitem Ausbau seiner Theorien einige stoffgeschichtlicheAbhandlungen geschrieben. Seine Ansichten, die der Märchenforschungdurch den Vergleich der Gegenwarts-Märchen mit alten literarischenWerken erst einen einigermaßen sichern Arbeitsboden verschafften,sind in ihrem Wesen nie mit ernsten Gründen bestritten worden.Indien freilich als einziges Ursprungsland der europäischen Märchenund damit auch der asiatischen Märlein, sozusagen also als Welt-märchenzentrum anzusehen, fällt heute niemand mehr ein, aber alsunumstößlicher Grundsatz ist allgemein angenommen worden, daßgewisse Motive in einer bestimmten Weise nur Einmal und an EinemOrte zu einer Märcheneinheit haben verbunden werden können. Alswir über die Wanderung der Geschichte als Einfacher Form sprachen,haben wir diesen Gegenstand eingehend erläutert, und wir habengefunden, daß es Motiwerbindungen von so charakteristischer Artgibt, daß es kaum anzunehmen wäre, die Tatsachen selber hättensich zweimal in solcher Weise vereinigen oder entwickeln können, undwas für die wahre Geschichte gilt, kann natürlich dort, wo nicht derüber den Ereignissen waltende blinde Zufall, sondern der bewußteWille eines erfindenden und konstruierenden Erzählers ordnend auf-tritt, der unumschränkt über alle Möglichkeiten gebietet, seine Geltungnicht einbüßen; kommt noch überdies die Verwendung von Unmög-lichem, von Wundermotiven hinzu, dann kann erst recht nicht ander einmaligen Hervorbringung der nicht immer künstlerischen, stets

*) In den Anmerkungen, 1856, 405 sagt Wilhelm Grimm: ,,Es gibt . . .Zustände, die so einfach und natürlich sind, daß sie überall wieder kehren, wiees Gedanken gibt, die sich wie von selbst einfinden, es konnten sich daher inden verschiedensten Ländern dieselben oder doch sehr ähnliche Märchen unab-hängig von einander erzeugen: sie sind den einzelnen Wörtern vergleichbar,welche auch nicht verwandte Sprachen durch Nachahmung der Naturlaute mitgeringer Abweichung oder auch ganz übereinstimmend hervor bringen", unddas ist schließlich nichts andres, als was Andrew Lang siebzehn Jahre später,freilich mit besserm und a,us aller Welt herbeigeholtem Rüstzeug versehen, zurDiskussion gestellt hat.