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Versuch einer Theorie des Märchens
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Das außerhalb des Leibes verborgene Leben. 73

Versprechenserfüllung und zugleich als Mittel der Mahnung ein Haaroder eine Locke gegeben wird, eine frühere Stufe der Entwicklungaufzeigt; die Formen aber, wo das Haar verbrannt wird, um ein Tieroder einen übernatürlichen Helfer in harmloser Weise an sein Ver-sprechen zu erinnern, widersprechen dem primitiven Denken schnur-stracks. Wer daran trotz dem Gesagten noch zweifeln sollte, lassesich durch den 42. der Contes pop. herberes von Ren6 Basset 1887,83 f. belehren: Halbhähnchen reißt einem Schakal und einem Löwenohne deren Einwilligung je ein Haar aus und entlockt, indem er diesevorweist, auch einem Eber ein Haar. Als er dann, da ihn der Königin den Stall gesteckt hat, auf daß er von den Schafen und den Ziegenzertreten werde, das Haar des Schakals ans Feuer legt, eilt dieserherbei, ruft seine Artgenossen und sagt zu ihnen:Brüder, rettetmich vor Halbhähnchen; er hat ein Haar von mir, und das hater ans Feuer gelegt. Ich will nicht verbrennen; holt ihn aus demStalle und laßt euch mein Haar zurückgeben!" Ähnlich, wenn auchnicht so deutlich, die zwei andern Tiere, die nur helfen, um jeneDinge zurückzuerhalten, die ihrem Besitzer eine unheimliche Machtüber sie verleihen.

Es ist natürlich nicht absichtliche Verfälschung des Motivs, dasVerbrennen eines Haares als gewöhnliche Mahnung oder Ladungseines Eigners zu verwenden, sondern ein Vergessen des ursprüng-lichen Motivinhalts, der besagt, daß der, der das Haar eines andernvernichtet, diesem ans Leben will, und die Verwendung des solcher-maßen seines Inhalts beraubten Motivs kann nur so oder aus demdurch keinerlei Bedenken gehemmten Bestreben der Erzähler nachAusschmückung ihrer Märchen erklärt werden; eine andere Erklärungwird man auch nicht für Übertreibungen finden, wie sie bei demMotiv von dem außerhalb seines Leibes verborgenen Leben des Un-holds vorkommen. Das Ursprüngliche war wohl das Versteck desLebens oder derSeele" in oder auf einem Baume, dann kam vielleichtder Vogel und schließlich das Ei im Vogel und Ähnliches; nichtsUrsprüngliches, nichts einer primitiven Anschauung Entsprechendeshaben aber Formen, wo das Lebensei in einer Ente, die Ente in einemHasen, der Hase in einem Kästchen und das Kästchen unter einerEiche ist oder wo es sich um eine goldene Quelle zwischen siebenPappeln handelt, an der sieben Hirsche zu trinken pflegen, in dereneinem ein goldenes Kästchen ist, das ein silbernes Kästchen umschließt,das sieben Wachteln enthält, von denen die mit dem goldenenKöpfchen und dem silbernen Leibe die wirkliche Seele ist. Zweckloswäre es auch, über den Ursprung von Motiven zu spintisieren, wiedas, daß sich jemand die Augen ausreißt und aus ihnen Vögel werden,die einander sofort Geheimnisse der Zukunft erzählen, oder wie das,daß die aus den Orangen geschälten Mädchen sterben müssen, wennsie nicht auf der Stelle Wasser zu trinken erhalten. Man staunt, sooftman Märchen mit derlei Hauptmotiven liest, über die Einbildungs-kraft ihrer Erfinder, an der nichts primitiv ist als die Sucht, dasWunderbare zu häufen. Hier entfernen wir uns ja schon einigermaßenvon den verschwimmenden Grenzen zwischen Wahn- und Wunder-motiven, aber klar geworden ist uns auf jeden Fall, daß auch an vielen,