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Versuch einer Theorie des Märchens
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72 Der Ruf des Helfers durch den Gedanken.

Les entretiens de Nang Tantrai, trad. Ed. Lorgeou, 1924, 210 f.), undebenso trifft das in der einzigen modernen indischen Version zu, dieich kenne (H. Kingscote and Natesä SästrI, Tales of the Sun, 1890,11 f.). In einer ganz alten Fassung dieser Geschichte freilich, die unsnur aus der im Jahre 251 n. Chr. von Khan Sam-hui verfertigtenchinesischen Übersetzung einer Sammlung von Sutren zu den sechsPäramitä bekannt ist (Chavannes, I, 182), werden die hilfreichenTiere von dem Mönche, der sie zugleich mit einem Jäger aus einerKluft gerettet hat, bei ihren Namen gerufen: Po der Rabe, Tsch'angdie Schlange; ähnlich geschieht dies, allerdings nur mit ihrer Gattungs-bezeichnung (Schlange! Ratte! Papagei!) in dem 73. Jätaka undschließlich wieder in einer marokkanischen Erzählung (L£gey, 230 f.),die in denselben Geschichtenkreis gehört. Zu diesem Rufen, ob es nundurch ein gesprochenes Wort oder durch den einfachen Gedankengeschieht, sei weiter an eine Geschichte des Mahäbhärata erinnert:Bhima will die Räksasi Hidjmbä, deren Bruder er getötet hat, ebenfallstöten, willigt aber, nachdem sie seiner Mutter Kunti versprochen hat,wann immer diese an sie denken werde, alsbald zu erscheinen und sie,wohin immer sie wünsche, zu tragen, in eine Heirat mit ihr; als sieihm dann einen Sohn gebiert, wird dieser Vertrag dahin abgeändert,daß die Verpflichtung auf den Sohn, Ghatotkaca mit Namen, über-geht, und dieser stellt sich auch tatsächlich bei dem ersten Gedankenan ihn ein (1, 155, III, 144); ebenso kommt Vyäsa Krsna Dvaipäyana,seinem Versprechen gemäß, als seine Mutter Satyavatl an ihn denkt(I, 63, 105), Närada bei dem Gedanken Srüjayas (XII, 31, 20, 39) usw.Derlei Geschichten sind in der indischen Literatur außerordentlichhäufig*), und so ist denn das Motiv dort auch noch heute im Volks-munde lebendig**). Diesem einfachen Denken an den Helfer, dasstets Erfolg hat, liegt derselbe Gedanke zugrunde, der sich auch indem Glauben an die Macht des Gebets äußert; so verstehen wir es,daß in einem aus dem zwölften Jahrhundert stammenden hebräischenManuskripte der Bodleiana, das nur fromme Geschichten enthält, derHeld, Rabbi Jochanan, nicht die dankschuldigen Tiere selber ruft,sondern Gott bittet, ihm den Raben und den Hund zu senden(M. Gaster, Studies and Texts, 1925 f., II, 928 f.), und besondersdeutlich wird dies in dem faröischen Volkslied Lokes Gesang mitder Anrufung Odhins, Hönis und Lokis (in Uhlands Schriften, VII,371 f.; s. Bolte-Polivka, III, 367 f.).

Die einfachste Form des Motivs, die des Denkens an den, dessenGegenwart gewünscht wird, die übrigens auch, neben den andern,bei Desparmet, II, 269 vorkommt (s. auch R. M. Dawkins, ModernGreek in Asia Minor. 1916, 473 u. 387), braucht trotz den altenBelegen nicht auch entwicklungsgeschichtlich die älteste zu sein, undes ist nicht unwahrscheinlich, daß die Form, wo als Unterpfand der

*) Z. B.: Chavannes, I, 192, Budhasvämin, Bjhatkathä-Slokasamgraha,1908 f., 115; Somadeva-Tawney, II, 388, 460, 595, Vikrama's Adventures, transl.Fr. Edgerton, 1926, I, 15, Joh. Hertel, Jinakirtis Geschichte von Päla undGöpäla, 1917, 41, Kathäratnäkara, deutsch v. Hertel, 1920, I, 198.

**) Maive Stokes, Indian Fairy Tales, 1880, 15s f. und H. Parker, VillageFolk-Tales of Ceylon, i9iof., I, 60 f.