70 Haare, Federn usw. als Pfänder.
Früchte und Kleidungsstücke spotten jeder Erklärung*), und wirfürchten, daß uns Ethnologie und Völkerpsychologie in diesen undvielen, vielen andern Fällen im Stiche lassen werden. Gelegentlichnämlich wirft das Märchen die von der Ethnologie mühsam gewonnenenErkenntnisse einfach über den Haufen.
Untersuchen wir z. B. das Motiv von dem Erscheinen des hilf-reichen Tiers oder des hilfreichen Dämons, das eine so wichtige Stellein vielen Märchen einnimmt. Zumeist ist der Adler oder die Ameiseoder der Fisch einfach da, wenn der Held in eine Lage geraten ist, woes um ihn ohne die Hilfe des Tiers, das ihm gewöhnlich Dank schuldet,geschehen wäre. Häufig aber geben die Tiere dem Helden, nachdemer ihnen einen Dienst erwiesen hat, ein Haar, eine Feder, eine Schuppeund unterweisen ihn gleichzeitig, wie er es anzustellen hat, um sieherbeizurufen: so bei Giambattista Basile (iorn. IV, tratt. 3), woTittone von seinen Schwägern, dem Falken, dem Hirsch und demDelphin, eine Feder, ein Haar und eine Schuppe erhält mit dem Auf-trage, dieses Pfand im Bedarfsfall auf die Erde zu werfen**) und zusagen: „Komm!"; der Gedanke, der dem zugrunde liegt, ist natürlich,daß der Körper Teil hat an allem, was einem ehemaligen Teile vonihm geschieht, eine primitive Anschauung, die in der ganzen Weltverbreitet ist und nicht nur für Haare, Nägelabschnitzel usw., sondernauch für das Bild gilt: wird die Feder, das Haar, die Schuppe zuBoden geworfen, so ist das ein Signal für den, der durch die Weg-gebung eines Teils seiner Persönlichkeit dem Beschenkten eine Machtüber diese eingeräumt hat. Diesen Zug hat denn auch J. K. A.Musäus in den Büchern der Chronika der drei Schwestern (1782) nichtnur bewahrt, sondern noch verstärkt, indem die Bärenhaare, dieAdlerfedern und die Delphinflossen gerieben werden müssen, damitihre ursprünglichen Besitzer merken, daß sie gebraucht werden, undnatürlich erzählt ebenso das Märchen, das die Brüder Grimm in derersten Auflage ihrer Sammlung als n° 82 mitgeteilt haben (Bolte-Polivka, II, 190 f.). Noch deutlicher tritt die primitive Anschauungin einem Märchen Straparolas zutage (notte III, fav. 2), das nichtmehr zu der Gruppe von den Tierschwägern, sondern zu der des128. Grimmschen Märchens (Ferenand getrü, Ferenand ungetrü)gehört: hier nehmen die dankbaren Tiere nach Abstattung ihrerDankesschuld ihre Pfänder zurück, der Fisch seine drei Schuppen,der Falke seine zwei Federn: der Held hat keinerlei Macht mehr übersie. Man sieht, wie sehr diesem Gedanken, daß der, der ein Haar usw.weggibt, damit zugleich auch sich selber in die Macht des Empfängersgibt, Erzählungen widersprechen, wo der Helfer durch eine Ver-brennung seines Haares usw. herbeigerufen wird, die eigentlich seinenTod herbeiführen müßte. Dieses nach primitiver Anschauungsweiseunmögliche Motiv findet sich in der Literatur nur in persischen und
*) Leider nimmt Antti Aarnes nachgelassene Abhandlung Die magischeFlucht (FF Comm. n° 92, 1931) zu dem Ursprung des Motivs nicht Stellung.
**) Die Worte iettala 'nter,ra hat Felix Liebrecht in seiner Übertragung undnach ihm Hanns Floerke unübersetzt gelassen; wohl aber stehen sie in demAuszuge aus Basiles Märchen, den die Brüder Grimm 1822 in dem dritten (An-merkungs-)Bande ihrer Märchen gegeben haben (338; Bolte-Pollvka, IV, 234).