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Versuch einer Theorie des Märchens
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Riten und Märchenmotive. 69

und zu rechtfertigen, und schließlich wäre nicht einzusehen, warumdas, was für das Brauchtum im allgemeinen gilt, daß nämlich daranGeschichten anknüpfen können und es auch tun, nicht auch für dieRiten, die Zeremonien gelten sollte. Zu bedenken ist dabei allerdings,daß wir die Linien, in denen sich das Brauchtum aus der primitivenAnschauung entwickelt hat, fast überall zu ihrem Ursprung zurück-verfolgen können, während die Riten durch die Willkür einzelnerPersonen, die freilich der kollektiven Zustimmung sicher sein dürfen,gestiftet und ausgeschaltet werden, so daß sich die Entwicklungs-linien, sobald wir sie auf das Blickfeld projizieren, kreuzen, ver-schlingen und verwirren.

Ein gutes Beispiel für die Schwierigkeit derartiger Untersuchungenbietet das schon erwähnte Motiv von den auf der Flucht ausgeworfenenGegenständen, die sich in Hindernisse für den Verfolger verwandeln.Saintyves (383387), der sich auf eine oberflächliche Vergleichungvon etwa zwei Dutzend ausgewählter moderner Märchen beschränkt,aus denen er seine Riten konstruieren will, ohne daß er dazu einenwirklichen Ritus der Gegenwart oder der Vergangenheit nachweisenkönnte, ist natürlich rasch fertig: für ihn ist es unbestreitbar, daßdas Motiv magische Kenntnisse verlangt, die den Gegenstand einerInitiationsunterweisung bilden können; so knüpft sich denn das Motivfür ihn sicher an zeremonielle Praktiken und setzt ein Wissen voraus,das auf der magischen Initiation beruht. Anders aber geht PaulEhrenreich vor (Die Mythen und Legenden der südamerikanischenUrvölker, 1905, 8392): er untersucht das Motiv vor allem in einemgroßen Verbreitungsgebiet, Nordamerika nämlich und Nordasien, woeine gegenseitige Abhängigkeit der Belege wahrscheinlich ist, gehtüberdies von den ältesten Varianten aus, die sich in dem japanischenIzanagi-Mythos finden, und zieht, was die Hauptsache ist, die in ganzNordostasien heute geübte Praxis heran, Gegenstände zur Abwehrböser Geister und abgeschiedener Seelen auszuwerfen; er kommt zudem Schlüsse, daß es sich ursprünglich nicht um die Flucht vorirgendeinem bedrohlichen Wesen, sondern um eine Flucht aus derUnterwelt gehandelt hat. Fünf Jahre später befaßt er sich neuerlichmit dem Motiv (Die allgemeine Mythologie, 271 f.), und nun hebter in einer Fußnote die schon seinerzeit gewürdigte Tatsacheheraus,daß bei den Tschuktschen noch heute die ganze Situationim.Leichenritual dargestellt wird". Aus dieser Stelle leitet H. Naumanndie Berechtigung ab, zu sagen:Ritus wie Märchenmotiv entspringenbeide dem primitiven Totenglauben . . . Glaube verlangt Riten,beide lagern sich in den primitiven Erzählungen ab" (PrimitiveGemeinschaftskultur, 1921, 62; s. auch 26). Allgemein hat ja wohlNaumann Recht, ob er es aber in diesem Sonderfall hat, mag dahin-gestellt bleiben, zumal da sich aus den frühern Ausführungen Ehren-reichs denn doch schließen läßt, daß dieser hier dem Mythos die Prioritätvor dem Ritus zuerkennt. Die größten Schwierigkeiten findetEhrenreichSaintyves kommt einigermaßen leichter darüber hinwegin der Mannigfaltigkeit der Dinge, die in den Märchen, aber auch inden Riten ausgeworfen werden; im allgemeinen lassen sich ja wohldie zwei Gruppen erkennen, die wir oben aufgezeigt haben, aber