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Versuch einer Theorie des Märchens
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68 Die Theorie von Saintyves.

eigentlich in festen Formen erstarrte religiöse oder halbreligiöseZeremonien sind, einen erheblichen Einfluß auf die Entstehung desMärchens zuschreibt. Geradeso wie der Großmeister der ganzenSchule, hat auch der Lehrer dieser Klasse, Paul Saintyves, seineTheorien an den Perraultschen Märchen darzulegen versucht, undwenn das mit der Absicht geschehen ist, den Unterschied zwischenihm und Andrew Lang recht deutlich aufzuzeigen, so ist ihm dasdurchaus gelungen. Die Behauptung, die er da aufstellt (Les contesde Perrault, 1923, 395): Nous pouvons . . . admettre . . . que laplupart des contes merveilleux peuvent . . . , comme les mythesavoir constitue 1 les commentaires plus ou moins allegoriques d'unrituel, klingt ja ganz großartig, aber die anschließend ausgesprocheneHoffnung, que la suite des etudes qui composent cet ouvrage contri-buera ä mettre hors de doute cette vent6, quelle que soit la part qu'onlui fasse, werden doch nur wenige von denen teilen, die, ein paarZeilen weiter, lesen, daß alle Märchen reihen, die das Motiv des ver-botenen Zimmers enthalten, s'interpretent facilement en recits initiati-ques. Das sagt Saintyves zu den Märchen von Blaubart und von demZauberlehrling, während er das von dem Rotkäppchen durch eineMilderungwilder Mai-Liturgien" erklären (228) und in dem Gestie-felten Kater einen Zusammenhang mit dem. Ritual der Installationder Priesterkönige primitiver Gemeinschaften feststellen will, das demHerrscher die Wichtigkeit der magisch-religiösen Pflichten seinesAmtes in Erinnerung rufen sollte (490). Auf eine weitere Kritik desBuches brauchen wir uns nach diesen Proben nicht mehr einzulassen,aber bedauern müssen wir es, daß ein Gedanke, in dem gewiß einKörnchen Wahrheit liegt, das ja auch Andrew Lang schon gesehenhat, nicht eine andere, ernsthaft zu nehmende Darlegung gefundenhat. Mögen auch die Theorien von Saintyves ziemlich allgemein miteinem Lächeln abgelehnt werden, so läßt sich doch keineswegs leugnen,daß zwischen dem Ritus und der Geschichte und, durch die Geschichte,auch dem Märchen Zusammenhänge bestehen können. Einmal spieltbei verschiedenen Riten die Rezitation von Erzählungen religiösenInhalts sicherlich eine große Rolle: der Gebrauch der Historiola beiWund- und Krankheitsbesprechungen ist seit undenklichen Zeiteninternational (vgl. A. Abt, Die Apologie des Apuleius, 1908, 278), dieRezitation von Mythen, die von Göttern, Kulturheroen, Dämonen usw.handeln, ist ein wesentlicher Bestandteil verschiedener Zeremonien,ohne den diese keine Wirkung auf. die übernatürliche Welt hätten(sagt Van Gennep, La Formation, 15; s. auch 35 und 38 f.), und dieBallade von Konstantin i vogelift, die bei den Albanern Unteritalienseinen rituellen Charakter angenommen hat, indem sie bei allenHochzeitsfesten gesungen wird (Maxim. Lambertz, Albanische Märchen,1922, 66 f. nennt ihren Inhalt einen Märchenstoff), entspricht denSchilderungen von der Fahrt der Liebesgöttin übers Meer und ihremFluge durch den Himmelsraum, die schon vor Apuleius in den alexan-drinischen Hochzeitsliedern ihren festen Platz hatten (R. Reitzen-stein. Das Märchen von Amor und Psyche, 1912, 6, 40); weiter abermögen auch Geschichten erfunden oder zurechtgemacht worden sein,um Riten, deren Ursprung in Vergessenheit geraten war, zu erklären