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Versuch einer Theorie des Märchens
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Ihre Erfolge bei Gemeinschaftsmotiven. 67

aus, daß die Märchen keineswegs als Trümmer einer alten Mythologiebetrachtet werden dürften, sondern als Reste älterer Überlieferungen,die eine ursprünglichere, primitivere Form darstellten als die ihnenentsprechenden Mythen, weil sie noch sichtbarere Spuren des Kanni-balismus, der Zauberei und des Totemismus zeigten; da nun dieAnschauungen, auf denen diese Dinge beruhten, allen Völkern in derZeit ihrer Primitivität unterschiedslos gemeinsam seien, so hättenauch die Märchen überall entstehen können. Später, besonders inseinem Buche Myth, Ritual and Religion (1887), hat dann Langeiniges Wasser in seinen Wein gegossen, indem er diese seine Theorieim allgemeinen auf die Incidents, auf die Motive beschränkte, dieer zum Teile nicht nur in den Märchen, sondern auch in den Mythenfeststellen mußte, und nun galt es ihm, diese Motive aus denAnschauungen der Primitiven zu erklären. Dies versuchte er in seinemKommentar zu den Contes Perraults (Perrault's Populär Tales, 1888)bei jedem einzelnen dieser Märchen zu tun. Zu einer ganzen Reihevon Motiven brachte er auch Parallelen nicht nur aus den Mytho-logien bei, der klassischen sowohl als auch der germanischen, sondernauch aus Erzähl mgen heute noch primitiver Völker; hin und wiedertrachtete er dabei auch ein Motiv aus den alten Anschauungen zuerklären und eine ursprünglichere Form zu rekonstruieren, aber fürganze Märchen wagte er keine Erklärung, man müßte denn Sätzewie den, daß Erzählungen von der Art des Petit poucet ihren Ursprungvielleicht in dem general sense of the humour of 'infant prodigies'hätten, als Erklärungen hinnehmen. Gleichwohl hat die LangscheMethode, wie wir schon oben gesehen haben, unbestreitbare Erfolgeerzielt, und eines der besten Beispiele für die Möglichkeiten, die siebietet, findet sich in der Untersuchung, die Lang dem Mythos vonAmor und Psyche gewidmet hat (Custom and Myth, 1884; Ausg.1910, 64 f.); aus ihr ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit, daßdie Trennung der Gatten in diesem Mythos, aber auch in dem vonPurüravas und Urvagi aus dem Bruche eines Tabu, also eines Gesetzesder primitiven Gemeinschaft abgeleitet werden muß, und damit hatLang für die meisten der unzähligen Märchen von der Ehe einesüberirdischen 'W%ens mit einem irdischen den Weg zur Deutunggewiesen. Seinem Beispiele sind übrigens nicht nur Gaidoz undHartland, sondern sind auch Frazer und andere und sind schließlichwir selber gefolgt, als wir die mannigfachen Sagen von dem Typos derGlocke der Gerechtigkeit aus altem Brauchtum erklärten, entstammendnoch viel altern Volksanschauungen, die freilich im Laufe der Zeiteiner Wandlung unterlagen. Jedenfalls aber und das muß alswesentlich. ausdrücklich festgestellt werden sind alle Motive, diediese ethnologische Untersuchungsweise wirklich erklärt hat und jewird wirklich erklären können, dort, wo sie in ihrer reinsten Formuntersucht werden können, nämlich in ihrer Heimat, Gemeinschafts-motive, Wahnmotive inbegriffen, also auch schon Motive der EinfachenForm, der Geschichte.

Allzu extensiv und einseitig will nun die Doktrinen der ethno-logischen Schule deren jüngste Klasse auswerten, indem sie auch denRiten, die ja gewissermaßen zum Brauchtum gehören, aber doch

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