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Versuch einer Theorie des Märchens
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66 Die Theorien Andrew Längs.

die dabei gewesen seien, geschildert worden, wie sich Proteus in einenLöwen, einen Panther usw. oder Demeter in eine Stute, Poseidon ineinen Hengst verwandelte; daß aber Menschen in Esel verwandeltworden sind, haben der hl. Augustinus und Papst Leo IX., wie wiroben gesehen haben, von Ohren- und Augenzeugen gehört, undForschungsreisende und Missionare finden heute noch Gewährs-männer, die Ähnliches aus eigener Erfahrung berichten. Dem Mythos,dessen Ursprünge sich in dem Dunkel der Jahrtausende verlieren,steht also., ein richtiger Bericht gegenüber, eine subjektiv wahreErzählung, die sich von der objektiv wahren nur durch den Umstandunterscheidet, daß sich unter die Gemeinschaftsmotive auch einWahnmotiv mischt. Solche Erzählungen von Zauberern und Hexensind also, gleichgültig, ob sie aus dem europäischen Altertum stammenoder von Primitiven der Gegenwart, in unserm Verstände des WortesGeschichten, und die Geschichte ist, als Erzählungsform betrachtet,älter als der Mythos und erst recht älter als das Märchen.

Damit sind wir denn, wird der geduldige Leser sagen, glücklichwieder bei der Auffassung der Brüder Grimm angelangt, über dieschon seit langem das Kreuz gemacht worden ist! Jawohl; wir kehrenzu dem Standpunkt der zwei Großen zurück, die die Wissenschaftvon dem Märchen begründet haben, aber wir tun dies nicht, um ihnnicht mehr zu verlassen, sondern nur, um das aufzunehmen, was vondem dort Ausschau Haltenden noch heute, wo sich so viel Neues indie Landschaft geschoben hat, zu erfassen ist.

Wir glauben also nicht mehr, daß allen Märchen die Überresteeines in die älteste Zeit reichenden Glaubens gemeinsam wären, aberwir sind überzeugt, daß die Mythologien einen gewaltigen Einflußauf das Märchen geübt haben. Dabei sehen wir jedoch in denMärchen nicht etwa allgemein Auswirkungen der alten Mythologienin dem Sinne, daß diese gesunken wären und sich die einzelnenMythen in Märchen umgewandelt hätten, sondern wir sind der Meinung,daß die Entstehung des Märchens als einer Erzählung, die den Begriffdes Wunders und der Wundermacht von den Göttern löste, erstmöglich war, als die seinerzeit von jedermann Glauben heischendenErzählungen von den Wundern der Götter und der Halbgötter undder Götterlieblinge das geworden waren, was im gemeinen Sprach-gebrauch mit Mythos bezeichnet wird, womit gesagt werden soll,daß diese Erzählungen nicht nur nicht glaubwürdig seien, sonderndaß sie auch nicht geglaubt werden dürften. Wir erachten es als einegewaltsame und daher weit über das Ziel hinaus schießende Reaktiongegen die Grimmsche Theorie, daß man heute das Märchen vor denMythos zu stellen versucht, und die ihr zugrunde liegende Ansichtwird auch durch die zwar nirgends ausgesprochene, aber augenschein-liche und nicht ableugbare Tatsache, daß es sich um eine choseconvenue handelt, nicht haltbarer.

Es war Andrew Lang, der diesen Gedanken von der Prioritätdes Märchens vor dem Mythos zuerst ausgesprochen hat, und zwarhat er dies 1873 in der Fortnightly Review in einem Aufsatze getan,betitelt Mythology and Fairy Tales. In diesem Aufsatze führte er