64 Mythen oder Märchen in der Bibel?
ist darin das ursprünglich Märchenhafte durch die spätem mytho-logisierenden und vergeistigenden Umbildungen des Stoffes zurück-gedrängt worden (50 f.). In dem Hiob-Buche und dem Buche Sachariaist die Märchengestalt des Satans ins Mythologische erhoben (84).Der Erzählung von den Magiern und dem bethlehemischen Kinder-morde liegt ein heidnisches Märchen zugrunde, ein Motiv daraus, insMythische gewandt, dem 12. Kapitel der Apokalypse (ir8f.); undein paar Seiten später wird dieselbe Stelle der Apokalypse ein Mythosgenannt, in dem auch ein (andres) altes Märchenmotiv durchklingt
(124 f.).
Das sind, wenn auf den Index ein Verlaß ist, in allen 169 Seitendie einzigen Orte, wo Gunkel das Wort Mythos aus der Feder fließenläßt, ausgenommen die kurze theoretische Darstellung zu Beginn, undaus dieser erfahren wir: „Unter Mythos verstehen wir eine Erzählung,in der die hohen Gestalten der großen Götter die Hauptrolle spielen . . . ,unter Märchen die Erzählungen urwüchsiger Völker und Kreise, auchunserer Kinder." Die grundlegende Betrachtung, die lange Zeitgeherrscht habe und noch immer nicht ganz verschollen sei, habe jaals die ursprüngliche Form den Mythos aufgefaßt, aber in neuererZeit habe sich, besonders unter Wilh. Wundts Einfluß, ein bedeut-samer Umschwung vollzogen: „Man nimmt demnach an, daß derMythos dem Märchen nicht etwa vorausgeht, sondern ihm vielmehrim Ganzen folgt" (6 f.). „Bezeichnend für die Märchen im Unter-schiede von den Mythen ist, daß die Gestalten der großen Götterdarin noch nicht vorhanden sind", aber „in die aus späterer Zeitüberlieferten Märchen sind die Götter eingedrungen . . ." „Ebensohat auch die israelitische Religion dem Märchenstoff nicht selten dieGestalt Jahves hinzugefügt."
Man sieht, wie groß und schwer die Verlegenheit war, in der sichGunkel befand, als er begründen sollte, warum er nun auf einmalall das, was er früher als Mythen bezeichnet hatte, Märchen nannte.Das Selbstverständliche, daß die Götter im Mythos handeln — auchnach seiner Definition —, aber nicht im Märchen, muß er bei dieserBegriffsvertauschung „bezeichnend" finden, und da er, soweit es sichnicht um gewöhnliche Geschichten handelt, denen z. B. die Erzählungvon Joseph und seinen Brüdern ebenso zuzuzählen ist wie die vonUria, mit Mythen zu tun hat, die von Göttern berichten, muß erdiese Götter, seiner Konstruktion zu Liebe, in das Märchen eindringenund dem Märchen sogar Jahve „hinzufügen" lassen! So ist ihm denndie Erzählung von Jakobs Kampf mit dem göttlichen Wesen zuPenuel (1. Mose, 32) „ein ganz deutliches Beispiel eines alten Kobold-Märchens" (66), „ein Musterbeispiel dafür, wie ein uraltes Märchenleise israelitisiert worden ist" (71), die Erzählung von Jahves Überfallauf Mose im Nachtlager (2. Mose, 4) ist „sicherlich ein Märchen zunennen" (73), in der Hagar-Erzählung, einem „vormaligen Märchen",ist an die Stelle des El, des Brunnengeistes des Jahvisten, beimElohisten Gott getreten (75 f.), in der Sage von Sodoms Untergang„kann kein Zweifel sein, daß sie in ihrer ältesten Form von niedernGottwesen handelt und daher (!) ein Märchen zu nennen ist" (80).Wir könnten diese Anführungen nach Belieben fortsetzen, aber nie