Mythen oder Märchen in der Bibel? 63
Wissenschaft gute Vorarbeit geleistet: sie hat die parallelen Stellenuntersucht, hat die eine Fassung der oder den andern gegenüber-gestellt, hat die Frage des bezüglichen Alters wenn nicht gelöst, sodoch angeschnitten, und so sollte man mit einiger Zuversicht annehmendürfen, daß ein Buch wie das schon zitierte von Hermann Gunkel,wo alles verarbeitet ist, was damals als halbwegs oder ganz sichergelten konnte, einen für unsere Zwecke genügenden Aufschluß überdiese Dinge gegeben werde. Es ist aber etwas Merkwürdiges umdieses Buch:
Für den 1913 abgeschlossenen vierten Band der Religion inGeschichte und Gegenwart hat Gunkel den Abschnitt Mythen undMythologie in Israel (621—632) bearbeitet. Nach dem dort Aus-geführten stammen die Mythen aus der Urzeit des Menschengeschlechtes,weshalb denn eines ihrer besonderen Merkmale die Wildheit undRoheit ist, die z. B. die babylonischen aufweisen. Viel gemäßigterist das in der Bibel durchklingende Mythische, obwohl auch hier diegrotesken Umrisse und die brennenden Farben des alten Mythos nichtfehlen. Manche dieser in der Bibel nachklingenden Mythen sind alsälteste Naturauffassungen zu verstehen, andere sind aitiologischerArt, und schließlich sind Mythen auch der Phantasie entsprossen.Israel war von Anfang an zum Monotheismus angelegt, seine Religionhat auch Gottes Verflochtensein in der Natur abgelehnt, und derRespekt vor Jahve hat allen Mythen, wo ein Gott Unwürdiges tutoder leidet, das Todesurteil gesprochen. Es sind zwar nicht wenigeMythen in Israel eingewandert, aber im Alten Testament liegen sienirgends rein und ohne Umdeutung vor; erzeugt hat Israel keine odernur sehr wenige Mythen. Hat der israelitische Monotheismus über-haupt heidnische Göttermythen übernommen, so konnte er diese nurin sehr abgeblaßter Form gebrauchen: solche abgeblaßte, ursprünglichmythische Erzählungen sind die Schöpfungserzählung, der Paradieses-Mythos, die Sintflut-Erzählung, die Turmbau-Geschichte usf.; weiterliegen mythische Stoffe in eschatologischer Umdeutung vor und inden Visionen der Propheten, und hinzu kommt noch eine kaum zuüberblickende Fülle von letzten Erinnerungen an Mythisches inSprache und Vorstellungsart. Schließlich sind Mythen auch in derForm von Sagen erhalten . . . , und in dem Absatz, der dies aus-spricht — es ist der letzte vor dem zusammenfassenden Schlüsse —findet sich der folgende Satz: „Die Jonas- und Simson-Erzählungenwerden vielfach als Mythen erklärt, vielleicht liegen aber doch nurMärchenstoffe zugrunde." Das ist neben der Erwähnung von Märchen-haftem in dem Paradieses-Mythos (der Erklärung, warum die Schlangekriecht und Staub frißt), das einzige Mal, daß in der mehr als sechs-hundert Zeilen langen Abhandlung das Wort Märchen vorkommt.
Wesentlich anders verhält es sich damit in dem acht Jahre spätererschienenen Buche Gunkels Das Märchen im Alten Testament; diesesträgt vor:
In der Märchenvorstellung vom Paradiese, die in Israel alle Zeitenüberdauert hat, waren hie und da Gottesgarten und Weltberg mit-einander verbunden; den Weltberg dachte sich eine Zeit, die Götter-mythen erdichtet hat, als den Thronsitz des höchsten Gottes, und so