62 Mythologie und Glaubens-Kanon.
Deutung ihrer Gestalt verlangt; um Ähnliches handelt es sich auchbei unserer Untersuchung, die vor allem das Märchen nicht nur demInhalt, sondern auch der Form nach von den andern Gattungen derErzählung abzugrenzen versucht.
Jolles stellt Mythus und Mythe als zwei Begriffe einander gegen-über. Mythe ist ihm etwa das, was wir Natursage genannt haben:sie ist als die Antwort auf eine Frage zu deuten, und darum gehörtsie neben das Orakel; beide sagen^wahr. Die Mythe ist ihm EinfacheForm schlechthin; der Mythus ist die Vergegenwärtigung der Ein-fachen Form. Der Feind der Mythe ist die Erkenntnis, und das kannman schon aus einen genauen Vergleich der Worte fivftog und käyo?ablesen. Das Sich-Abwenden von der Form, der Versuch, von sichaus an die Erscheinung heranzukommen, diese Bekehrung heißt Über-gang von dem Mythus zu dem Logos. An dem Beispiele des erstenPythischen Epinikions von Pindar, das die Taten des von ihmbesungenen Hieron auf den Typhon-Mythus bezieht, zeigt dannJolles den Logos neben dem Mythus und fordert zu der Überlegungauf, ,,was für eine seltsame Zusammenfassung die griechischen Wörterfiv&oXoyeco, /j.vdoMyrjfj,a und juv&okoyia enthalten, wie sie ,dasWidrige zusammenfassen.'" „Ich möchte" — so sagt Jolles — „dasWort .Mythologie' am liebsten aus der Reihe unserer Begriffestreichen; wollte ich es aber dennoch gebrauchen, so würde Mytho-logie das andeuten, was Pindar hier macht."
Nun, in unserer Darlegung, die sich ebenfalls auf die am meistenvon allen Mythologien erforschte, auf die griechische stützt, ist dasWort Mythologie, in Ermanglung eines andern Terminus, nicht, wiees Jolles tut, als Bezeichnung für eine Tätigkeit des Logos an demMythos verwandt worden, sondern für das Ergebnis dieser Betätigung,nämlich der sichtenden, zubereitenden und vereinigenden Tätigkeit,vollzogen allerdings von Männern wie Pindar und, vor ihm, Homer,wobei wir das Objekt dieser Tätigkeit, die Mythen, als die letzte Aus-wirkungen jener Natursagen auffaßten, die Jolles Mythen nennt,aber auch die andern Sagen der einzelnen Stämme einbegriffen, soweitsie zu der Vergottung von Helden führten oder den Trägern ihrerHandlungen göttliche Kräfte zubilligten. Diese Mythologie hat sichzwar nicht ohne Mitwirkung des Geschmacks, aber vornehmlich dochdurch Willensakte des Verstandes gebildet in dem Sinne des ver-einigten und zu einiger Konkordanz gebrachten Mythenkomplexes,und aus diesem wäre mit der Zeit, wenn nicht die Entwicklung eingewaltsames Ende gefunden hätte, der Glaubens-Kanon hervorgegangen,zu dem sich die Ansätze in den Theogonien zeigen. Nun wissen wirvon einer Mythologie, der es vergönnt war, diese Entwicklung zum Ab-schlüsse zu bringen: das ist die israelitische, und wenn unsere Theorierichtig ist oder der Wahrheit nahekommt, so muß sie sich an derBibel bewähren.
Die Schwierigkeit liegt auch bei diesem Beginnen in dem Umstand,daß wir nicht nur nicht wissen, wie sich die einzelnen Mythen ent-wickelt, sondern auch, in welcher Gestalt sie dem Jahvisten, demElohisten usw. vorgelegen haben, als sie sie vor der Aufnahme inden Text der letzten Zubereitung unterzogen. Immerhin hat hier die