Andr6 Jolles über Einfache Formen. 6l
sind, und überdies stellen Bolte und Pollvka weiter fest (IV, 98), daßwas uns in der Erzählung wunderbar erscheint, dem ÄgypterGlaubenssache gewesen ist; diese subjektive Wahrheit aber ist dasKriterium, wodurch sich der Mythos neben seiner Beziehung zuGöttern, Göttersprossen, Götterlieblingen von dem Märchen unter-scheidet.
Das GilgameS-Epos hat seine Spuren in alten Dokumenten hinter-lassen, wie in den biblischen Berichten über die Sintflut, und vielleichtbestehen auch, auf irgendeinem Wege, Zusammenhänge mit demAlexander-Roman; in den Märchen jedoch, auch in denen seinerHeimat oder der Nachbarschaft, wird man vergeblich nach einemNiederschlag suchen. Dasselbe trifft bei den ägyptischen Erzählungenzu: die Fellachen sind erst durch Maspero „wieder in den Besitz derWundergeschichten gelangt, die vor dreitausend Jahren das Ent-zücken ihrer Vorfahren bildeten" (A. van Gennep, La formation deslegendes, 1929, 276), und ebenso stammt eine ägyptisch-arabischeNacherzählung der Herodotischen Geschichte von dem Meisterdieb ausMasperos Buch (Th. Nöldeke in der Zeitschr. d. D. Morgenl. Ges.,XLII, 69; s. auch Y. Artin Pacha, Contes populaires de la vallee du■Nil, 1895, 6). Es wird uns also wohl niemand der Leichtfertigkeitzeihen, wenn wir sagen, daß diese Mythen-Literatur der Ägypterund der Babylonier, soweit sie nicht auf die Mythologien von Nachbar-völkern eingewirkt hat, ohne jeden Einfluß auf das Märchen gebliebenist und daß sich das auch in der Zukunft höchstens unter der Wirkungvon Veröffentlichungen der Wissenschaft oder von Werken der schönenLiteratur, wie Ishtar and Izdubar von Leonidas le Cenci Hamilton(1884) oder L'aventure de Satni Khamois von Rene" Hissard (1924)wird ändern können.
Ich habe ein Bekenntnis abzulegen. Alles, was ich über dasFormale der verschiedenen Erzählungsgattungen gesagt habe, vonder Bestimmung oder Umschreibung des Begriffes Geschichte ange-fangen, geht auf die Fülle von Anregungen zurück, die ich aus demBuche Einfache Formen von Andre Jolles (1929) empfangen habe.Nicht, daß ich mich mit den Ergebnissen der Untersuchungen diesesGelehrten durchaus einverstanden erklären würde, ja daß ich sieauch nur in Einzelheiten annehmen könnte; aber die Methode, dieJolles bei seiner Spekulation befolgt hat, die Wege, die er eingeschlagenhat, um anscheinend Fernes in den Gesichtskreis einzubeziehen unddas für den Menschendurchschnitt am nächsten Liegende Öl jeneEntfernung zu rücken, die die Absicht der Betrachtung erheischt,die strengen Umschreibungen von Wörtern und Begriffen sind es,die mir die wesentlichsten Anregungen gegeben haben. Jolles willfür einen besonderen Teil der literarischen Erscheinungen die dritteAufgabe der Literaturwissenschaft durchführen, die, nach der Deutungihrer Schönheit und ihres Sinnes, die Bestimmung ihrer Form, die