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Versuch einer Theorie des Märchens
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6o Angebliche altägyptische Märchen.

solchen Gleichgültigkeit in der Verwendung von Begriffsbezeich-nungen, die allerdings in diesem Buche nur eine sekundäre Rollespielen, ist es denn kein Wunder, daß H. Gunkel (Das Märchen imAlten Testament, 1921, 13) vonMärchen" spricht,wie sie . . . imbabylonischen Gilgamesch-Epos hervortreten"; anzuerkennen aber alsWendung zum Bessern ist es, daß Von der Leyen den Satz derersten Auflage seines Buchs über das Märchen (85; vorher Archiv,CXV, 3), der lautete:Das Merkwürdige, Unschätzbare an der baby-lonischen Sage bleibt für uns, daß sie den ehrwürdigsten Beweisfür die These gibt, daß unsere Märchen, Märchen vom Wasser desLebens und der Unterwelt, schon vor manchem Jahrtausend erzähltwurden . . .", in der dritten Auflage (95) so geändert hat:daßMärchen, die unsern Märchen gleichen, schon vor Jahrtausendenerzählt wurden", und wenn wir in dieser vorsichtig verzichtendenFassung noch die Identifizierung von Mythos und Märchen tilgen,so daß er besagt:Das Gilgamesch-Epos beweist, daß Mythen, dieunsern Märchen gleichen, schon vor Jahrtausenden erzählt wurden",dann ist alles in Ordnung, dann nähert sich die Behauptung der Fest-stellung bei Bolte-Polivka (IV, 102):Die . . . Literatur der Babylonierund Assyrer . . . liefert . . . keine ausdrücklichen Zeugnisse für dasVorhandensein von Märchen. Einige märchenhafte Züge treffen wirallerdings in dem großen Epos Gilgamesch ..."

Wesentlich anders und vor allem umfangreicher als das uns vor-liegende babylonisch-assyrische Mythengut sind die Reste der ägyp-tischen Literatur, aus denen man das Bestehen von Märchen schonin unvordenklichen Zeiten beweisen will. Bei näherm Zusehen aber,vor allem bei dem Ausscheiden der Gemeinschaftsmotive, die ja schonder Einfachen Form, der Geschichte angehören, schrumpft das, wasfür das eigentliche Märchen, das Wundermärchen, ausgebeutet werdenkönnte, erheblich zusammen; streicht man dann noch die Erzählungvon demVerwünschten Prinzen", wie sie Georg Ebers genannt hat,die sich von einer Geschichte nur durch die Einführung von zwei fürden zeitgenössischen ägyptischen Leser religiösen, für uns mythischenZügen unterscheidet, daß nämlich das Schicksal des Helden bei seinerGeburt von den Hathoren bestimmt wird, dann aber in einem Kro-kodil personifiziert ist, so bleibt vor allem eine Anzahl von Zauberer-und Gespenster-Novellen übrig, die allesamt in Romanen hätten Auf-nahme finden können, wie etwa der, in den das sogenannte Märchenvon Amor und Psyche eingefügt worden ist. An dieses erinnert, nichtin Stil und Darstellung, sondern durch die Einführung von Motiven,die später auch in Märchen vorkommen, die Erzählung von den zweiBrüdern, die, nicht ohne Mitwirkung des Umstands, daß es tatsächlichein Brüdermärchen gibt, so ziemlich allgemein als Märchen ange-sprochen worden ist. Diese zwei Brüder, Anup und Bata, habenjedoch die Namen von zwei Göttern, die in der unterägyptischenStadt Saka verehrt wurden, der Schreiber des Papyros-Manuskriptsfügt ihren Namen das Zeichen für Götter bei, und so liegt der Er-zählung, wie Adolf Erman sagt (197), gewiß eine Göttersage, dasheißt, ein Mythos zugrunde. Das erhellt auch aus den der ägyptischenMythologie entstammenden Parallelen, die bisher beigebracht worden