Die Edda. Das GilgamcS-Epos. 59
dem Hinterfuß lahmt, weil aus diesem Knochen das Mark gesogenworden ist, wohl aus dem gleichartigen Mythos von Pelops stammt,dem Demeter für die gegessene Schulter eine aus Elfenbein macht(s. Bolte-Polivka, I, 422 f., II, 162, W. Mannhardt, Wald- und Feld-kulte, I, 116 und Frazer 3 , VII, 256—259).
Natürlich gibt es in der Edda auch sonst noch eine Menge Wunder-motive; diese aber dürfen keineswegs anders betrachtet werden alsetwa die Wundermotive in den Homerischen Göttererzählungen.Auch Von der Leyen nimmt ja für die nordische Mythologie eineähnliche Genesis an, wie wir sie für die Mythologie im allgemeinenaufgezeigt haben, indem er ausführt, die Entwicklung, die von demGotte des Einzelnen bis zu dem Gotte des Volkes aufsteigt, seilangsam und allmählich gewesen: aus dem Einzelnen sei die Feld-gemeinschaft geworden, dann der Stamm, dann der Stamm verbandund das Volk, und ehe sich ein Stamm als Stamm verband, ein Volkals Volk fühlte, habe dieses auch nicht die Sonne anbeten können,die allen schien, nicht dem Einzelnen allein, und nicht Erde undHimmel und Meer (Deutsches Sagenbuch, I, 1909, 94); andererseitshandelt es sich, wieder nach Von der Leyen (ebendort, 43), bei derEdda um ein Werk der Dichtkunst, dessen Verfasser aus einer sehrvielfältigen und bunten Menge von Sagen ihre Motive ausgewählthätten, und eine Erklärung dieses Satzes gibt eine andere Stelle (245):„Das Material, aus dem sich die nordischen Götter bildeten, warMythologie und Religion." Daraus ergibt sich, wie recht Von derLeyen getan hat (Das Märchen in den Göttersagen, 63), eine Erklärungder „Sagen" der Edda aus dem Märchen wenigstens für die abzu-lehnen, die in Aufzeichnungen aus der Zeit vor dem Jahre 1000 vor-liegen, womit wir allerdings nicht sagen wollen, daß wir das Gegenteilfür die später entstandenen Mythen oder Sagen billigen könnten.Durchaus recht hat er weiter mit der Ansicht, die Geschichte vonder Demütigung Thors bei Utgardaloki sei bei den Iren ein weh-mütiges Märchen geworden (Sagenbuch, I, 201), und wünschenswertwäre eine Untersuchung, die den Einfluß feststellen würde, den dienordische Mythologie auf das Märchen und die Sage Nordeuropasgehabt hat, aber auch auf die Geschichte — das Wort natürlich inunserm Sinne genommen —; denn viele Motive, die Von der Leyendem Märchen zuweist, sind nichts andres als Gemeinschaftsmotive.
Ähnlich wie mit der Edda steht es mit dem babylonischen Eposvon Gilgames, einer kontaminierenden Verarbeitung uralter Mythen.Gilgameä ist zu zwei Dritteln ein Gott, sein Leib besteht aus Götter-fleisch, freilich nur zu zwei Dritteln; den ihm ebenbürtigen HeldenEngidu schaffen die Götter nach dem Bilde des Hauptgotts, derSonnengott treibt ihn in einen Kriegszug, IStar wirbt um seine Liebeusw. usw. Warum also bezeichnet H. Greßmann (Ungnad-Greßmann,Das Gilgamesch-Epos, 1911, 181) diese Kunstdichtung als eine„märchenhafte Heldensage" ? All das, was da zusammengeschweißtund auf den Halbgott, Verzeihung, Zweidrittelgott übertragen wordenist, all das sind doch keine Märchen, sondern Mythen, und an andernOrten, wo sich Greßmann dieser Facon de parier nicht erinnert,spricht er selber geradezu von dem Gilgamesch-Mythos. Bei einer