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Versuch einer Theorie des Märchens
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58 Das Märchen als Kind des Mythos.

nicht; die Entwicklung der Natursage muß Schritt für Schritt vorsich gegangen sein; ebenso haben wir uns das Ausscheiden undVereinigen, also die Bildung oder die Zubereitung des Mythos zudenken, und wo nicht die Einflüsse einer fremden Mythologie imSpiele sind, ist die Genesis des Mythos aus der Natursage wohl nichtzu bestreiten. Damit ist aber auch das Verhältnis des Mythos zumMärchen geklärt: das Märchen ist das Kind des Mythos, gezeugt abervon ihm erst im Tode oder nach dem Tode; der absterbende oderabgestorbene Mythos hat, was unsterblich an ihm war, auf Erdenzurückgelassen als Vermächtnis für die Märchendichter künftigerGeschlechter.

Nun könnte man natürlich sagen, samt alldem sei es nicht aus-geschlossen, daß ein Volk etwa wie das griechische, wenn ihm schonseine eigenen Götter, Göttersprossen, Götterlieblinge zu heilig gewesenwären, um an sie das zu knüpfen, was wir Märchen nennen, so dochwenigstens Mythen anderer Völker, etwa babylonisch-assyrische oderägyptische, vielleicht auch indische als Unterlagen für eine solcheDichtungsgattung hätte verwenden können. Aber auch das war kaummöglich; denn die Griechen nahmen, ebenso wie die Römer, diefremden Götter, die ihnen bekannt wurden, entweder in ihr Pantheonauf, oder sie verquickten sie mit den eigenen. Der Thoth und dieHathor der Ägypter wurden Hermes und Aphrodite, zur Aphroditewurde auch Ktar (Astarte), Tamuz ward Adonis, und Isis und Osirisnennt man noch heute mit diesen ihren griechischen Namen; dieRömer versprechen den Schutzgöttern belagerter Städte für ihrenAbzug Tempel in Rom, und Camillus nimmt die Statue der etrus-kischen Juno mit deren Einverständnis aus dem eroberten Veji mitauf den Aventin. Natürlich werden die Griechen auch fremde Mythenrezipiert haben, aber als Mythen: die Hathoren, die von dem neu-geborenen Königssohn sagen, er werde durch das Krokodil oder dieSchlange oder den Hund sterben (Ad. Erman, Die Literatur derÄgypter, 1923, 210) erinnern an die Moiren, die das Schicksal vonMeleagros bestimmen, und der Mythos von Demeter ist dem vonIStar nicht nur in dem Punkte ähnlich, wie sich das zeitweilige Ver-schwinden der Göttin auf die Menschenwelt auswirkt, sondern eineÜbereinstimmung besteht auch darin, daß Zeus den GötterbotenHermes in den Hades hinabschickt, um Köre zurückzuholen, so wieEa den Götterdiener Asuiunamir zu Ereäkigal schickt, um die inder Unterwelt gefangen gehaltene IStar zu befreien (A. Wesselskiim Arch. orient., I, 304 f.). Andererseits haben die Griechen vonihrem Mythengut nicht nur an die Römer und die christliche Legende,sondern auch an die nordische Mythologie abgeben müssen: derFeuerbrand, an den die dritte Moire das Leben von Meleagros bindet,kehrt in dem Lichte wieder, mit dessen Verlöschen nach den Wortender dritten Norne Nornagest sterben soll (Bolte-Polfvka, I, 388), undMedeias Wiederbelebung des zerstückelten und gekochten Schaf-bocks ist sicherlich die Quelle der Erzählung in der Gylfaginning, 44(Gering, 334 f., Fr. v. d. Leyen, Das Märchen in den Göttersagen derEdda, 189g, 40 f.), wo Thor seine Böcke, obwohl ihr Fleisch gegessenist, ins Leben zurückruft, während der Zug, daß der eine Bock mit