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Versuch einer Theorie des Märchens
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Kein Märchen bei den alten Griechen und Römern. 57

oder Christus oder die hl. Jungfrau eine außerordentlich selteneErscheinung, so wie in den mohammedanischen Allah und Mohammed,und darüber brauchen wir uns nicht zu verwundern: die Scheu vordem Erhabenen verbietet es, ihn mit Kleinem und Kleinlichen inVerbindung zu bringen. Diese Scheu verbietet es aber auch, Hand-lungen eines Gottes oder Halbgotts, sogar eines Götterlieblings vonihrem Urheber zu trennen und sie damit zu profanieren, und so mußtedem Mythos das ihm Eigene, das Wunder, zu eigen bleiben, solangeder Mythos zur Religion gehörte, solang er identisch war mit demGlaubensinhalt der Religion; frei sozusagen wurden diese Wunder-motive erst, als sich die Ratio auch an dem Mythos übte, als ihn eineandere Religion von dem Piedestal stieß, das er seit undenklichenZeiten behauptet hatte. Eine einzige Erzählung gibt es in dem ganzenklassischen Altertum, die'so beginnt wie unsere Märchen:Erant inquadam civitate rex et regina. Hi tres numero filias forma con-spicuas habuere",Es waren in einer Stadt ein König und eineKönigin, die hatten drei schöne Töchter"; aber auch diese Erzählung,die von Amor und Psyche, muß, da in ihr ein Gott, seine Geliebteund die Mutter des Gottes die Träger der Handlung und des Leidenssind, als Mythos angesprochen werden. Es mag als eine Facon deparier hingehn, wenn man von einem Kirke-Märchen, einem Perseus-Märchen, einem Märchen von Philemon und Baucis spricht; in demSinne jedoch, daß man damit sagen wollte, es hätte Märchen vonKirke, von Perseus oder von dem Muster aller glücklichen altenEhepaare vor den entsprechenden Mythen gegeben und aus ihnenwären diese Mythen entstanden, in diesem Sinne dürfen diese Bezeich-nungen nicht verstanden werden. Die Erzählung von Amor undPsyche, woher immer sie Apuleius geschöpft hat, mag ja als einVersuch gewertet werden, den Mytheninhalt zu bereichern; nichtsaber wissen wir davon, daß dieser Versuch damals anders denn alsetwas Selbstverständliches, die Erzählung anders denn als ein Mythosaufgefaßt worden wäre, und nichts berechtigt uns, die Stellen, woalte griechische Autoren von yqamv oder znücTiv fiv&oi oder der ApostelPaulus von ygacoöei? fiv&oi oder Römer von fabellae aniles oder fabulaepueriles sprechen, so zu deuten, als hätte es sich dabei um Märchenin unserm Sinne gehandelt. Eines oder das andere dieser Märchenhätte doch wohl erhalten bleiben müssen; was aber vorhanden ist,ist entweder Mythos oder Sage oder Gemeinschaftsgeschichte.

Über das Verhältnis der Gemeinschaftsgeschichte zu der Natur-sage sind wir uns, da wir beide noch in ziemlich primitiven Formenvor uns haben, sc ziemlich im klaren: die Natursage überträgt dieGemeinschaftsgeschichte, die ja wohl erst in spätem Zeiten reinmenschlich werden konnte, auf die gesamte Umwelt. Keine Antwortaber wissen wir auf die Frage, wann jeweils in die Natursage dasWunder getreten ist und so den ersten Mythos hervorgebracht hat;auch noch so scharfsinnige Schlüsse werden den absoluten Mangelan Dokumenten aus der Zwischenzeit kaum je ersetzen können.Dürften wir da nun annehmen, daß sich zwischen die Spekulationder Natursage und die Spekulation des Mythos etwas eingeschobenhaben könnte, das wir als Märchen zu bezeichnen hätten ? Sicherlich