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Versuch einer Theorie des Märchens
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56 Die Gottheit und das Märchen.

im allgemeinen, weder Wahn- noch Wundermotiv braucht. Dürfenwir aber diese Motive der Mythen, weil sie Wundermotive sind, auchschon Märchenmotive nennen ? Nein:, sie sind es oder werden es,wenn sie im Märchen wirken, nicht aber auch in ihrer ersten Ver-wendung, in der religiösen Erzählung. Da sind die Handelnden, diedurch Wunder Handelnden entweder Götter oder Göttersprossenund Götterlieblinge, denen die Götter die Gabe, Wunder zu wirken,verliehen haben; diese Erzählungen wurden geglaubt, und wer sienicht geglaubt hätte, wäre ein Ketzer oder Freigeist gewesen wie jeneMohammedaner der Gegenwart, die es wagen würden, die Möglichkeitder Verwandlung eines Menschen in ein Tier durch einen Zaubereroder eine Hexe zu leugnen. Wir unterlegen ja dem Worte Mythen,unserm Sprachgebrauch gemäß, der es auf die Erzählungen über-wundener Religionen anwendet, nicht nur den Sinn des Unbewähr-baren, sondern sogar des absolut Unwahren; das darf uns aber nichtdarüber hinwegtäuschen, daß der Mythos subjektiv wahr ist, daßder Logos, der ihm seine letzte Form gab, das nicht mehr als WahrheitMögliche der Ausläufer der alten Sage auszuscheiden getrachtet hat.

Die grieclüsche Pyramide hat sich leider nicht einmal in demMaße verjüngt, daß es möglich gewesen wäre, die zu glaubendenErzählungen zusammenzufassen und so eine Grenze zwischen dem Mythosals Glaubensinhalt der Religion einerseits, anderseits dem apokryphenRest, den Legenden, und schließlich den durchaus zu verwerfendenAftermythen zu ziehen; bei unserer Untersuchung aber tut das nichtszur Sache. Wer hat denn etwa vor der Reformation, obwohl es einenKanon des zu Glaubenden gab, die Wahrheit von Erzählungen bezwei-felt, wo der Thaumaturg ein Engel war, wie in dem Buche Tobit, oderein Heiliger, der Tote erweckte, oder die Mutter Gottes, die das Feuereinen Knaben nicht versehren Heß, oder schließlich der Teufel, derdenen, die sich ihm verschrieben, alle Wünsche erfüllte ? Tatsächlichgeht denn auch der griechische Mythos oft in die cliristliche Legendeüber, und der Bollandist Hippolyt Delehaye (Les legendes hagio-graphiques 3 , 179 iT) gibt zu, daß der hl. Georg Züge von Perseusübernommen hat, daß St. Cosmas und St. Damian als Nachfolgerder Dioskuren gelten dürfen und daß Poseidon in den Heiligen Nikolausund Phokas fortlebt. Wie sehr man übrigens in spätem, rationalemZeiten, auch wo keine kultischen Ähnlichkeiten vorhanden waren,diese innere Identität empfand, erhellt aus der jüdisch-christlichenErzählung, wo Christus dem hl. Petrus begründet, daß er dem faulenBurschen das fleißige Mädchen zur Gattin bestimmt (Wesselski,Märchen des Mittelalters, 1925, n° 22); die Jesuiten haben Christusund Petrus in Juppiter und Merkur verwandelt (Stengel, II, c. 26,§ 1; C. Casalicchio, L'utile col dolce, 1671, cent. I, dec. 6, arg. 2).

Ob sich die Jesuiten bei dieser Verwandlung des Herrn und seinesApostels in Juppiter und dessen Boten an den Mythos von Philemonund Baucis erinnert haben oder nicht, sicherlich haben sie dabei, wennnicht in dem Bewußtsein, so doch in dem Gefühle gehandelt, daßGott in dieser Erzählung, die keinerlei religiösen Charakter trägt,fehl am Orte sei, und damit haben sie uns einen wertvollen Fingerzeiggegeben. Tatsächlich ist in unsern volkstümlichen Märchen Gott